Lisa Feller: Die Frohnatur

Porträt

Als sich Lisa Feller in einem Anflug von Motivation Sportbekleidung zulegen möchte, landet sie schließlich in einer grell ausgeleuchteten Umkleidekabine bei H&M. „Hier dreht also der Tatort seine Pathologieszenen“, sagt sie, während eine Verkäuferin namens Babe Nachschub heranschafft. Hüpfend will Lisa Feller in eine Stretchhose gelangen und fühlt sich dabei wie ein Schlafsack, den man vergebens versucht, wieder in den Beutel zu stecken. Schallendes Gelächter im Publikum. Das Stück gehört zu den Klassikern der Comedienne, die sie oft als Zugabe spielt. Auf Youtube hat das Video zum H&M-Hosenkauf knapp 400.000 Aufrufe. Wenn sie die Nummer auslässt, beklagt sich schon mal die ein oder andere Person unter ihren Fans.

Die Stimme von Feller hört sich heiser an, als sie sich in das Videomeeting für dieses Gespräch schaltet. Am Abend zuvor sei es spät geworden, sagt sie und lacht in die Laptop-Kamera. Nach einer Fernsehaufzeichnung für die neue Show von Cindy aus Marzahn ging es mit Kollegen und anderen Comediennes in eine Bar. Im Moment sitzt sie in einem Hotelzimmer in Halle (Saale). Dass die gebürtige Düsseldorferin in einem Hotel übernachtet, ist eine Ausnahme. Meistens fährt die alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen nach Auftritten heim, um morgens die Kinder für die Schule fertig zu machen – egal wie kurz die Nacht ist. Diesmal reist sie für mehrere Tage am Stück. Von Halle (Saale) geht es nach Weinheim, wo Feller abends ihr aktuelles Soloprogramm Ich komm jetzt öfter! spielt, danach weiter über Bad Wildbad, Zürich und Herne bis nach Hause in ihre Wahlheimat Münster.

Karriereweg

Ihren Weg zur Comedy beschreibt die 46-Jährige mit den Worten: „Halb zog es sie, halb sank sie hin.“ Sie habe es immer auf die Bühne gezogen. Aber dass sie mal Komikerin werden würde, wusste sie in jungen Jahren noch nicht. Der Grund: Comedy ist kein Ausbildungsberuf, den jemand einfach ergreifen und lernen kann. „Es ist ein Quereinsteigerberuf, der keine andere Möglichkeit lässt“, sagt Feller. Schon in der Schule war sie immer die Lustige. Wer eine Klasse unterhält, sucht eine Art von Bühne. Anfangs wollte sie Schauspiel studieren. Bei einem Vorsprechen an einer staatlichen Schauspielschule merkte sie, dass es das nicht ist. Sie sei rückwärts wieder raus gegangen. Feller bevorzugt eher die Improvisation. Ihre Leidenschaft für Comedy und Unterhaltung war ihr klar, aber nicht, dass oder wie man damit Geld verdienen kann. Als sie das erste Mal Geld für einen Auftritt bekam, dachte sie: „Wie blöd sind die denn!? Das macht doch Spaß.“

Feller entschied sich zunächst für eine kaufmännische Ausbildung und ein Grundschullehramtsstudium mit Hauptfach katholische Religion in Münster. Die Arbeit in der Schule und mit Kindern machte ihr Spaß. Dennoch schlug sie nach dem ersten Staatsexamen den Weg in Richtung Entertainment ein. „Ich habe mich für was anderes entschieden, aber nicht gegen das Andere“, sagt sie. Es ging als Radiomoderation zum Inselradio nach Mallorca, der Kontakt entstand über einen Dozenten. Schon während ihres Studiums moderierte sie beim Münsteraner Hochschulradiosender Radio Q. Ein Jahr lang machte Feller auf einem Kreuzfahrtschiff Walk-Act-Comedy. Gemeinsam mit einer Freundin spielte sie an Bord in lustigen Kostümen Mitreisende und lernte dort den Umgang mit Publikum. Ihren ersten Stand-up-Comedy-Auftritt hatte sie beim Funkhaus des Westdeutschen Rundfunks – ein Vorläufer der Sendung NightWash. Es folgten Auftritte beim Quatsch Comedy Club und der Ladies Night.

Der Durchbruch gelang Feller im Jahr 2009 durch die Fernsehsendung Schillerstraße. Das Konzept der Improvisationscomedy war genau ihr Ding. Eine Freundin schickte ihr damals die Anzeige der Fernsehproduktion. Sie ging zum Casting und wurde am Ende unter rund 150 Leuten aus­gewählt – ein besonderer Moment. Anfangs empfand sie einen enormen Druck, der sie hemmte. Schließlich spielte die Newcomerin neben bekannten Größen wie Jürgen Vogel, Oliver Welke, Martin Schneider, Ilka Bessin oder Oliver Pocher. Ihr Gedanke: „Wann fliege ich auf?“ Auch, wenn sie anfangs das Gefühl hatte, als hätte die Putzkolonne jemanden auf der Bühne vergessen, wie sie es formuliert, ist sie alles andere als aufgeflogen. Das Team nahm die Komikerin herzlich auf und ihre Karriere danach ihren Lauf.

Die Komikerin Lisa Feller steht mit Soloprogrammen auf der Bühne und ist gern gesehene Gästin bei Comedyshows. Über Humor als Beruf
© Picture Alliance / dpa / Horst Galuschka

Ein Auftritt bei der Ladies Night – eine Kabarettshow mit weiblicher Besetzung – hat der Comedykarriere von Lisa Feller einst Schwung verliehen. Heute ist sie wiederkehrende Gästin und moderierte die Sendung im Oktober 2021 im WDR-Fernsehen. Als Gastgeberin empfing Feller (Mitte) die Kaberettistinnen Rebecca Carrington, Frieda Braun, Anka Zink und Teresa Rizos (von links)

Schattenseite

Heute ist Feller fester Bestandteil der Comedyszene. Bereut hat sie ihre Berufswahl noch nie. Aber wie bei jeder Selbstständigkeit hat auch der Kunstberuf sein Für und Wider. „Auf der einen Seite gibt es Freiheiten, die ich nicht mehr missen möchte“, sagt die Münsteranerin. Sie könnte sich nicht vorstellen, einem geregelten Büroalltag nachzugehen. „Auf der anderen Seite gibt es die Angst, was passiert, wenn einen irgendwann niemand mehr sehen will.“ Die Existenzsorgen haben sich durch die Coronapandemie und dem Wegfall von Bühnenauftritten verstärkt. In dieser Zeit hat Feller vor allem der Fokus auf die Kinder geholfen, sich nicht zu stark in den Sorgen der Selbstständigkeit zu verlieren. Und auch die Auftritte beim Fernsehen – als reine Live-Künstlerin wäre die Situation noch kritischer gewesen.

Von Krisenzeiten persönlich betroffen zu sein, ist die eine Sache. Eine andere, damit auf der Comedybühne umzugehen. „Es gab schon früher Situationen, wo ich auf der Bühne stand, und dachte, wie gehe ich damit um“, sagt Feller und erinnert sich an den Germanwings-Absturz im Frühjahr 2015, als ein Flugzeug gegen den Berg gesteuert wurde und alle Menschen an Bord ums Leben kamen. Wenige Tage später spielte Feller eine Show – in dem Landkreis, aus dem eine Schulklasse an Bord der Maschine stammte. Feller ist überzeugt, dass Menschen es schätzen, wenn man mit Krisensituationen empathisch umgeht.

Ebenso sei das Publikum dankbar dafür, wenn man ihnen für einen Moment die Verantwortung nimmt, sich schlecht oder traurig zu fühlen, nach dem Grundsatz: Die nächsten zwei Stunden ist alles gut, es ist okay, dass ihr trotz der aktuellen Situation bei der Show seid. Man dürfe auch Kraft sammeln. „Einfach mal herzhaft lachen, ist gut für die Seele“, sagt sie..

Bühnenleben

Die Themen von Fellers Bühnenprogrammen variieren. Wer alle gesehen hat, kann der Lisa-Soap folgen, wie sie es nennt. Die Kinder werden älter, erst war sie glücklich verheiratet, dann getrennt – Vieles davon hat sie in ihren Comedyshows verarbeitet. Wie die Ideen für neue Inhalte und Witze entstehen, ist ganz unterschiedlich. Bei ihrem allerersten Solo war sie gerade Mutter geworden und griff mit Der Teufel trägt Pampers pointierte Wahrheiten aus ihrem Alltag auf. Anlass für das neue Programm ab Herbst 2022 Dirty Talk ist schmutziges Gerede – sei es in der Politik, in sozialen Netzwerken oder im Privaten. Fellers Beobachtung der vergangenen zweieinhalb Jahre: „Gehört werden immer nur jene, die laut und böse sprechen. Und das meiste davon wollen viele gar nicht hören.“ Doch diese lauten Menschen hätten viel Aufmerksamkeit bekommen. Die Botschaft des neuen Programms steht fest, ein Teil der Inhalte auch, aber die Details arbeitet die Künstlerin mit ihrem langjährigen Wegbegleiter noch aus, Till Hoheneder. Der Autor und Comedian ist für sie zugleich Mentor, Coach, Regisseur und Freund. Sie gestalten ihre Programme zusammen. Es gibt zwei Ansätze: Beide treffen sich und wissen, am Ende muss etwas auf dem Papier stehen, weil eine Sendung ansteht. Oder es gibt den Fall, wo jemand etwas erlebt hat und ein bestimmtes Thema angehen will. Manchmal helfe er auch nur bei Formulierungen oder einem Kniff, damit ein Gag für die Bühne reicht. „Ich bin der rohe Diamant und er schleift“, sagt sie mit ihrem üblichen Bühnenhumor.

In Stein gemeißelt ist bei Fellers Programmen nichts. Die Inhalte stehen zwar zu Beginn einer Tour fest, entwickeln sich aber auch im Laufe der Zeit weiter. Wenn Sachen nach ein paar Shows nicht funktionieren, fallen sie weg. Manchmal seien es spontane Nebenbemerkungen, die zur lustigsten Nummer im Programm werden. Sie improvisiert eben gerne und lässt Bewegungsspielraum. Bevor es auf die Tour geht, spielt die Comedienne Vorpremieren in kleinen Theatern mit rund 40 Leuten. Dort testet Feller ihre Pointen. Über Monate steht sie mehrmals wöchentlich auf der Bühne. Kann sie bei jeder Show gleich lustig sein? Schließlich sind Bühnenpersonen auch nur Menschen, haben Stimmungen, mal gute und mal schlechte Tage. „Unter eine gewisse Grenze der Professionalität und Performance fällt es nach Jahren in dem Beruf nicht mehr“, sagt sie. In der Spitze gebe es vielleicht mal Unterschiede. Aber Feller ist sich sicher, dass das Showpublikum es nicht bemerkt – außer vielleicht Menschen, die sie richtig gut kennen. Am Ende einer Tour hat sie ein lachendes und ein weinendes Auge: Einerseits ist sie froh, manche Witze nach langer Zeit nicht mehr machen zu müssen, andererseits muss sie auch liebgewonnene Schätzchen loslassen. „Es hat einen Charme, wenn ein Programm rund gespielt ist. Es ist aber auch schön, wenn etwas Neues bevorsteht“, sagt Feller.

Lebenslust

Humor hat für Feller eine besondere Bedeutung, nicht nur im Beruf, sondern ebenso im Privaten – sei es bei der Erziehung der Kinder oder beim Einkaufen. Es kommt immer auf die Perspektive an, findet die Improvisationsschauspielerin. Es gibt Situationen, die kann man ernst nehmen. Oder man kann darüber nachdenken und merkt, wie witzig sie eigentlich sind. Ihr Antrieb: Andere zum Lachen bringen. Dafür braucht sie keine Bühne: „Ein Mensch ist für mich schon Publikum. Mich macht das glücklich.“ Humor kann schon im Kleinen etwas bewirken. So erreichte die zweifache Mutter kürzlich die Nachricht einer Frau, die sich für einen Moment vor einigen Jahren bedankte. Nach einem richtig schlechten Tag hatte die Frau zufällig mit Feller in der Schlange bei der Post gestanden. Die Komikerin hatte mit ein paar Späßen die Stimmung aller gehoben. Ohne es zu groß aufhängen zu wollen, sagt Feller, es seien die kleinen Stellschrauben in der Gesellschaft, die sie zusammenhielten.

Ob im Großen oder Kleinen: Das Publikum gibt Feller viel zurück. So hält sich die Waagschale. Denn mit ihrem Comedy­beruf geht auch Aufwand und Verzicht einher. Auftritte sind in den Abendstunden und an Wochenenden. Sie ist viel auf Reisen, fehlt bei privaten Festivitäten. Feller unterbricht auch schon mal Urlaube für Fernsehaufzeichnungen. Hinzu kommt der Zwiespalt eines jeden berufstätigen Elternteils: das latente Gefühl, dass die Familie zu kurz kommt. Feller brauche eine wahnsinnige Energie für ihren Job. „Und dann stehe ich auf der Bühne und denke: Ich will hier nie wieder weg“, sagt sie. Ihren Ausgleich findet Lisa Feller zu Hause in Münster: Wenn sie mit ihren Kindern Zeit verbringt oder einfach mal vormittags auf der Terrasse die Sonne genießt.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Humor. Das Heft können Sie hier bestellen.

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Sven Lechtleitner, Foto: Privat

Sven Lechtleitner

Journalist
Sven Lechtleitner ist freier Wirtschaftsjournalist. Er hat ein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sowie ein Fernstudium Journalismus an der Freien Journalistenschule in Berlin absolviert. Von November 2020 bis Juli 2022 war er Chefredakteur des Magazins Human Resources Manager.

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