35 Grad und kein Wasser

Die HR-Szene hat eine neue Bloggerin. Sandra Gausmann ist Personalerin und erzählt von ihren Erlebnissen während der eigenen Jobsuche. Die sind beileibe nicht nur positiv und bringen neuen Schwung in die Diskussion ums Trendthema Candidate Experience. Das kommt an.

Wenn man am ersten Tag des Bestehens schon 2.000 Seitenabrufe auf seinem Blog verzeichnen kann, hat man wohl einen Nerv getroffen. So ist es Ende Juli Sandra Gausmann ergangen, als sie ihren Blickwinkel-Blog online gestellt hat, auf dem sie von ihren frustrierenden Erfahrungen während der Jobsuche erzählt. Sie wundert sich über Kommentare in Antwortschreiben wie „Bitte sehen Sie davon ab, uns anzurufen“, über Jobausschreibungen, die nur unzureichend die tatsächlichen Aufgaben wiedergeben und Employer Branding, das nur darin besteht, eine Broschüre zu drucken. Die Besucherzahlen auf ihrem Blog steigen stetig, inzwischen liegen sie bei 3.000-4.000 pro Tag. Gausmann bekommt auch zahlreiche Reaktionen, über Social Media, die Kommentarfunktion und via E-Mail. Die meisten sind von HRlern, die sich mit ähnlichen Themen befassen, aber es melden sich auch viele Menschen, die sich ebenfalls in der Bewerbungsphase befinden. Die Resonanz sei durchweg positiv.

Frau Gausmann, Sie bloggen erst seit Kurzem, haben damit aber vom ersten Tag an eine erstaunliche Resonanz gefunden. Haben Sie das erwartet?
Überhaupt nicht, ich wurde von dem Erfolg des Blogs sehr überrascht, wenn nicht sogar überrannt. Aber ich habe mich inzwischen daran gewöhnt und freue mich sehr darüber. Ich versuche auch, all die Anfragen und Kommentare, die mich erreichen, zu beantworten. Ich finde es toll, dass die Leute so daran teilhaben. Denn im Vorfeld habe ich viel mit Freunden darüber gesprochen, ob ich den Blog wirklich starten soll und ob das wohl interessant ist. Es waren auch sehr kritische Stimmen dabei. Ich habe dann aber entschieden, es zu machen, ich hatte da Lust drauf. Und die Reaktionen bestätigen diesen Entschluss.

Wann kam Ihnen denn die Idee für den Blog? Hatten Sie da schon die ersten Negativ-Erlebnisse mit Personalern gemacht?
Tatsächlich habe ich schon seit längerer Zeit überlegt, zu bloggen, wollte aber gerne ein Konzept dahinter stehen haben und nicht einfach noch einen HR-Blog ins Leben rufen, wie es sie schon sehr oft gibt. Mir war wichtig, eine andere Perspektive mit reinzubringen. Und als ich dann die ersten Erfahrungen im Bewerbungsprozess gemacht habe, war das Thema klar. Dabei geht es darum, zu zeigen, dass die Wirklichkeit einfach anders aussieht als so, wie wir HRler es gerne hätten. Es sollte aber auch kein Blog dabei herauskommen, wo nachher alle denken „Oh mein Gott, die ist ja super frustriert“.

Das heißt es geht Ihnen auch nicht darum, sich selbst zu vermarkten?
Ich will Diskussionsanstöße liefern. Dabei geht es nicht primär darum, Artikel darüber zu schreiben, wie Employer Branding sein soll, sondern zu zeigen, wie anders es in der Realität ist. Es gibt zwar mit Sicherheit Firmen, die verstanden haben, dass man umdenken muss, aber die sind nicht in der Mehrheit. Das hat sich durch den Bewerbungsprozess auch bei mir erst richtig festgesetzt. Wir müssen einfach mehr mit Leuten sprechen, die nicht täglich an der HR-Diskussion teilnehmen.

Und Sie haben keine Angst vor negativen Reaktionen auf Ihre Blog-Posts?
Das bin ich inzwischen tatsächlich schon öfters gefragt worden. Und ich warte jetzt auch darauf, dass mich ein Arbeitgeber darauf anspricht, bisher ist das aber noch nicht passiert. Wenn das aber ein Grund sein sollte, dass ich einen Job nicht bekomme, dann wäre das nicht das richtige Unternehmen für mich.

Was sagt denn der Erfolg Ihres Blogs über die HR-Szene aus?
Ich merke ganz deutlich, dass es nicht nur mir so geht sondern ganz vielen, die sich in einem Bewerbungsprozess befinden. Und es sagt auch viel darüber aus, wie Firmen Employer Branding verstehen. Allein die Karriereseiten zeigen doch oftmals, wie Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Viele haben noch nicht verstanden, was es wirklich bedeutet, eine Arbeitgebermarke aufzubauen und dass man sich dann eben auch mit so etwas wie der Außenwirkung in Bewerbungsgesprächen auseinandersetzen muss.

Hätten Sie im Vorfeld erwartet, diese Erfahrungen durch Ihre HR-Kollegen machen zu müssen, wie Sie sie in Ihrem Blog schildern?
Nein, gar nicht. Ich habe immer in Firmen gearbeitet, wo sehr viel Wert auf Bewerberkommunikation und Außenwirkung gelegt wurde. Ich habe natürlich geahnt, dass dies noch nicht überall so ist. Aber dass es wirklich so viele in Summe sind, wo man diese Erfahrungen macht, damit habe ich nicht gerechnet.

Was haben Sie denn noch so erlebt, worüber Sie noch nicht gebloggt haben?
Erst einmal muss ich sagen, dass ich natürlich auch positive Erfahrungen gemacht habe, die will ich auch veröffentlichen. Es soll nicht nur ein Negativ-Blog sein. Aber gerade bei uns im Heidekreis sind viele Dinge noch wie vor zwanzig Jahren. In einem Gespräch habe ich bei 35 Grad noch nicht einmal ein Wasser angeboten bekommen. Noch dazu haben sich dann der Personal- und der Werksleiter in die Haare bekommen. Und ich saß als Unbeteiligte daneben. Das sind wirklich Beispiele, wo ich denke, dass das nicht wahr sein kann. Ich habe dann noch im Gespräch gesagt, dass ich dort nicht arbeiten möchte.

Was macht denn Ihre Jobsuche aktuell, haben Sie schon Angebote erhalten aufgrund des Blogs?
Ja, ich bin inzwischen von drei Firmen angesprochen worden und habe meinen Lebenslauf dorthin geschickt. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Darüber hinaus kamen auch sehr viele Anfragen für Artikel, beispielsweise vom Personalblogger.

Hören Sie auf zu Bloggen, wenn Sie einen neuen Job gefunden haben?
Nein, ich hoffe nicht dass ich das tun muss. Klar ist aber, dass ich mir ein neues Konzept überlegen muss, denn der Blickwinkel ändert sich dann ja wieder. Da hab ich auch schon Ideen im Kopf.