Das Erfolgspotenzial der Introvertierten

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Die erfolgreichsten Unternehmer der Welt gelten als introvertierte Persönlichkeiten: ob Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg, Microsoft-Gründer Bill Gates oder Amazon-Geschäftsführer Jeff Bezos. Verkennen Firmen den hohen Wert introvertierter Mitarbeiter, begehen sie einen fatalen Fehler.

„Wieso sollen introvertierte Mitarbeiter überhaupt wichtig für Unternehmen sein?“ Diese Frage sagt viel über das Image der lntrovertierten aus. Man hat sie einfach nicht auf dem Schirm. Zu stark richtet sich der Fokus auf die Gesichter im Rampenlicht. Dort, wo Ruhm und Geld angesiedelt sind, trifft man gefühlt vor allem auf Extrovertierte – gerade im Vertrieb und im Management. Auch Personaler bestätigen dieses Gefühl. Einer Xing-Umfrage zufolge glaubt die große Mehrheit der Personaler, dass Extrovertierte tendenziell erfolgreicher sind.

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Wie entsteht dieser Eindruck?

Introvertierte Mitarbeiter unterscheiden sich von ihren extrovertierten Kollegen vor allem in der Art, in der sie Reize verarbeiten, Energie tanken und diese verbrauchen. Das wird beispielsweise an dem Lärm- und Interaktionspegel deutlich, der jeweils als angenehm oder störend empfunden wird. Während Introvertierte ein ruhiges, störungsarmes Arbeitsumfeld schätzen, genießen Extrovertierte terminreiche Arbeitstage unter vielen Menschen.

An Tagen im Homeoffice oder Einzelbüro bekommen Introvertierte dabei Erstaunliches geschafft. Es fällt ihnen leicht, sich tief in neue Themen einzuarbeiten und sich auf die Erledigung wichtiger Aufgaben zu konzentrieren. Introvertierte agieren gerne überlegt und bringen sich in Meetings vor allem dann ein, wenn sie etwas Substanzielles beitragen können. Sie sind häufig geschätzte Gesprächspartner, da sie gut zuhören und die Anliegen ihres Gegenübers diskret für sich behalten können. In großen Gesprächsrunden und bei Präsentationen überlassen sie jedoch nach Möglichkeit ihren extrovertierten Kollegen die Führung. Dadurch verschiebt sich die kollektive Wahrnehmung zugunsten der Extrovertierten.

Ob die introvertierten Leistungen und Stärken im Hintergrund dennoch gesehen und gefördert werden, hängt stark von der jeweiligen Unternehmenskultur und Branche ab. Ist das extrovertierte Ideal, wie etwa in der Werbe- und Versicherungsbranche, dominant, haben es Introvertierte schwer. Umgekehrt sind sie jedoch in technischen und IT-affinen Branchen im Vorteil.

Erfolgreich nach innen gekehrt

Der digitale Wandel bringt eine branchenübergreifende Verschiebung bisheriger Persönlichkeitsideale in Gang. Im Zuge der Digitalisierung sind nicht nur digitale Produkte und Dienstleistungen auf dem Vormarsch. Auch ehemals von persönlicher Interaktion geprägte Prozesse, wie der Verkauf von Produkten oder die Rekrutierung neuer Mitarbeiter, verlagern sich in die virtuelle Welt. Standardprodukte werden online gekauft und Bewerberprofile von Algorithmen vorgefiltert. In standardisierbaren und folglich digitalisierbaren Prozessen verliert der persönliche Kontakt an Relevanz. Zwangsläufig verändern sich klassische Berufe und völlig neue Berufsbilder entstehen.

Davon profitieren vor allem Introvertierte. Sie können ihre empathischen und analytischen Fähigkeiten als Betriebswirte, Strategen oder Marketingprofis immer erfolgreicher hinter den Kulissen einbringen. Auch Talente aus dem MINT-Bereich sind heute in allen Branchen gefragt. Sie versprechen den Durch- und Einblick in eine virtuelle Arbeitswelt, deren technische Grundlage sich dem Großteil der heutigen Führungskräfte nur in Ansätzen erschließt.

Die aktuelle Forbes-Liste ist der beste Beweis für den digitalen Siegeszug der vergangenen Jahre und das Erfolgspotenzial der Introvertierten. Mit Jeff Bezos, Bill Gates und Mark Zuckerberg stammen drei der fünf reichsten Menschen der Welt aus den Bereichen Internethandel, Software und Social Media. Entgegen dem gesellschaftlichen Management-Ideal werden sie allesamt als introvertiert beschrieben.

Jenseits der Komfortzone

Sich selbst gut verkaufen zu können war bisher der größte Vorteil extrovertierter Persönlichkeiten, der vor allem in Bewerbungsgesprächen und bei wichtigen Personalentscheidungen zum Tragen kam. Dieser Vorteil verliert jedoch spürbar an Durchschlagskraft. Die Vernetzung über Social Media und Karrierenetzwerke sorgt für steigende Transparenz. Wer in Lebenslauf und Zeugnissen schummelt, wird so leicht enttarnt wie nie zuvor. Darüber kann auch ein sympathischer Auftritt nur schwer hinwegtäuschen. In zunehmend digitalen Bewerbungsprozessen gewinnen schriftliche Bewerbungsunterlagen – gerade bei der automatisierten Vorauswahl – zusätzlich an Bedeutung. Beide Entwicklungen neutralisieren das ehemalige Ungleichgewicht im klassischen Vorstellungsgespräch.

Auch in einer digitalen Welt sind es Menschen, die bei uns kaufen, uns führen und mit uns arbeiten. Sozial inkompatible Introvertierte, die sich völlig von der Außenwelt abschotten werden es daher genauso schwer haben wie oberflächliche Extrovertierte, die der veränderten Arbeitswelt stur trotzen. Am erfolgreichsten werden jene Persönlichkeiten sein, die in Zeiten des Wandels auch außerhalb ihrer Komfortzone bestehen können und wollen. Das gelingt nur mit einem hohen Bewusstsein für die eigenen Stärken und Hürden in einem resonanzfähigen Umfeld.

Diversity beginnt bei der Persönlichkeit

Gut aufgestellt sind folglich Unternehmen, die ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem sich introvertierte wie extrovertierte Mitarbeiter gleichermaßen entfalten können. Wer hingegen finanzielle und personalpolitische Ungleichheit zwischen den Persönlichkeitstypen fördert, setzt im Kampf um Talente die falschen Zeichen. Nicht nur den Wettbewerb mit anderen Unternehmen gilt es erfolgreich zu meistern. Auch die Start-up-Kultur, die viel Raum für Menschen mit guten Ideen bietet, avanciert zum ernst zu nehmenden Gegner. Sie ermöglicht den komfortablen, teils geförderten Einstieg in die Selbstständigkeit – auch für Gründer ohne angeborenes Verkaufstalent.

Introvertierte Fachkräfte und Experten langfristig an das Unternehmen zu binden, wird daher zur wachsenden Herausforderung. Bereits kleine Einzelmaßnahmen, wie die Umgestaltung der Arbeitsplätze oder Persönlichkeits-Workshops, sind ein Schritt in die richtige Richtung. Um einen nachhaltigen Effekt zu erzielen, kommen Unternehmen jedoch nicht umhin, das Thema fest in ihrem Diversity Management zu verankern. Nur so kann ein kollektives Umdenken fernab veralteter Rollenbilder systematisiert angestoßen werden.

Mitarbeiterbindung für Introvertierte

Wer die aktuellen Entwicklungen sieht und versteht, wird nicht mehr an der Bedeutung von Introvertierten für das Unternehmen zweifeln. Zur Sicherung des Unternehmenserfolgs stellt sich eher die Frage, wie Introvertierte im Unternehmen gehalten werden können.

Gelingt der Abschied von dominanten extrovertierten oder introvertierten Idealen in der Unternehmenskultur, ist der Weg für ein erfolgreiches Miteinander geebnet. Dann können die einzigartigen Stärken beider Persönlichkeitstypen gezielt entwickelt und kombiniert werden. Die Menschen hinter den Persönlichkeiten zu erreichen und zu verbinden, ist vielleicht die größte Kunst und Aufgabe inmitten der Digitalisierung.

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