Zeit für einen Neuanfang?

04.03.2019  |  Hannah Petersohn
HUMAN RESOURCES MANAGER #55, Fokus: Neuanfang
HUMAN RESOURCES MANAGER #55, Fokus: Neuanfang

Kennen Sie den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (Groundhog Day, 1993)? Bill Murray spielt darin den Berufszyniker und TV-Wetterfrosch Phil Connors. Wie jedes Jahr soll er über den Murmeltiertag in der amerikanischen Provinz berichten: Sollte sich das Nagetier aus dem Bau trollen, während die Sonne scheint, dauert der Winter weitere sechs Wochen an.

+++ Dies ist das Editorial zur Ausgabe Neuanfang des Human Resources Managers. Eine Übersicht aller Ausgaben sowie einen Blick in die Ausgabe #55 erhalten Sie hier. +++ 

Das alles interessiert Connors allerdings nicht. Er glaubt sich zu Höherem berufen und wähnt sich als verkanntes TV-Genie. In seiner Anschnauzbereitschaft gegenüber der reizenden Kollegin Rita (Andie MacDowell) läuft er zur Hochform auf und beschwört die unerträgliche Schwere des Seins: „Es wird kalt werden. Es wird grau werden. Und so wird es dann sein für den Rest Ihres ganzen Lebens.“

Seine Larmoyanz hat selbstredend psychische Bewandtnis. Connors hängt fest: Seit Jahren schnoddert er die gleiche Live-Schalte in der immer gleichen Provinz am immer gleichen Tag herunter. Dann zeigt sich entgegen seiner Prognose auch noch die Sonne, das possierliche Tier wirft einen Schatten und der Winter dauert an.

Nicht ohne Grund heißt es, große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus: Ein Schneesturm zieht auf und das TV-Team muss eine weitere Nacht im Kaff verharren. Das Universum spielt Connors einen bitterbösen Streich: Von nun an erwacht der Grantler jeden Tag aufs Neue am ungeliebten Murmeltiertag, inklusive allmorgendlichem Radio-Hit-Geträller „I‘ve got you Babe“ des Pop-Duos Sonny und Cher. Die einst nur gefühlte Zeitschleife des Lebens ist grausame Realität geworden. Niemand außer ihm erlebt die Wiederholung. Schon bald dämmert es ihm: Jetzt kann er alles tun, wonach ihm der Sinn steht, frei von Verantwortung, jenseits von Konsequenzen: Er stopft sich mit Torten voll, lernt Französisch und Klavier, versucht Kollegin Rita herumzukriegen und testet ideenreich lebensbeendende Maßnahmen, nur um am nächsten Morgen erneut zum Leben erweckt zu werden.

Aus der Krise in die Sinnfrage

Irgendwann sind sämtliche Spielarten des Wahnsinns durchexerziert, Verdruss stellt sich ein. Und was tun Menschen in einer Krise? Sie fragen nach dem Sinn. Alsbald muss der Wetterfrosch feststellen: Er hat ein Leben jenseits seiner selbst geführt. Läuterung setzt ein, das erste Mal in seinem Leben fühlt er unverstellt – fernab von Zynismus und Sarkasmus. Er hat einen wirklichen Neuanfang gewagt und wird aus der Zeitschleife befreit.

Eine filmische Fabel, deren Moral allzu leicht verkannt wird: Wer glaubt, ungehaltener Überdruss werde stets mit einem Leben in Endlosschleife bestraft, irrt. Connors hing schon vorher fest. Dieser Zustand wird mit der vermeintlichen Strafe der zeitlichen Wiederkehr nur offenkundiger. Doch verbietet der Fortschrittsglaube gemeinhin jede Variante der langen Weile. Unserer Gesellschaft ist der positive Gehalt des Stillstands suspekt.

Langeweile als Schlüssel zur Selbsterkenntnis

Allerdings kann gerade Monotonie zu fruchtbarer Erkenntnis führen. In dem Moment nämlich, in dem die Langeweile ihren Höhepunkt erreicht und das Genervtsein über die Situation, und noch viel mehr über uns selbst, unerträglich wird, setzt die Überwindung jener Verdrossenheit ein. Es ist der Augenblick, in dem wir den Kieselstein, den wir gewöhnlich beim Spaziergang umgehen würden, mit der Schuhspitze missmutig wegkicken, der zu unserem Verdruss dann auch noch auf der Zielgeraden zum Erliegen kommt. Wir treten ihn weiter, bis die Missstimmung bezwungen ist und sich der neue Weg vor uns ausbreitet.

Langeweile trägt den Schlüssel zur kathartischen Selbsterkenntnis in sich, wenn ihre Nebenwirkungen ausgehalten werden. In der unerbittlichen Wiederholung, im erlebten Ekel vor dem eigenen Leben und der bleiernen Langeweile liegt die Kraft zur grundlegenden Veränderung. Wer sich hingegen immerzu ablenkt und die innere Unruhe, die aus der Langeweile hervorgegangen ist, rasch betäubt, wird toxische Gegebenheiten kaum erkennen, geschweige denn überwinden.

Aus stumpfer Ödnis mögen zunächst Jammerlappigkeit, Ressentiment und Unmut resultieren. Jedoch sind sie nicht etwa Antagonisten des Neubeginns, sondern seine Initialzünder. Sie animieren erst dazu, über das Sosein hinauszuwachsen und das Wagnis eines echten Neuanfangs, flankiert von Mut, Demut und aufrichtigen Emotionen, einzugehen.