In kleinen Schritten

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Ein Berliner Startup will den Markt für Feedback-Systeme aufrollen. Auf die Idee dazu kam Gründer Per Fragemann, weil er mit den Prozessen bei seinem früheren Arbeitgeber unzufrieden gewesen ist.

Es ist eine dieser eher unscheinbaren Straßen Berlins. Keine Cafés säumen den Gehsteig, es gibt keine Straßenkünstler, keine schlendernden Touristen. Dieser Teil des Weddings ist eben nicht unbedingt ein Szeneviertel in Berlin. Die Hausnummer 24 trennt ein vergittertes Eingangstor vom Rest der Welt. Auf einem der Klingelschilder leuchtet ein gelber Aufkleber. „Small Improvements“ ist darauf zu lesen. Hinter dem verzinkten Tor erheben sich weinbewachsene Backsteinmauern restaurierter Fassaden. Ein wenig weltvergessen wirkt der Hinterhof – aber nur kurz.

Aus einer Tür im Erdgeschoss springt ein Mann mit blonden Haaren und grünem T-Shirt hervor und winkt. Es ist Per Fragemann, Erfinder, Gründer und Geschäftsführer von Small Improvements, und manchmal Mädchen für alles bei dem Software-Startup, wie er sagt.

Das junge Unternehmen bietet ein softwaregestütztes Feedback-System an, das mit wenigen, sehr reduzierten Elementen auskommt. In Deutschland noch fast unbekannt, sind die Berliner Entwickler dabei, sich im englischsprachigen Raum fest zu etablieren. 13 Leute sind sie inzwischen, berichtet der 40-jährige Fragemann. Die meisten arbeiten hier in Berlin. Um den Kundenkontakt kümmern sich Freelancer. Zwei in San Francisco, einer in New York und zwei weitere in Sydney. Er selbst ist viel unterwegs, nicht in Übersee, sondern zwischen Berlin und Leipzig, wo der Vater einer kleinen Tochter seit etwas über einem Jahr mit seiner Familie lebt. Drei Tage arbeitet er in Berlin, zwei von Leipzig aus. „Für die Firma ist das natürlich ätzend, aber wenn man kleine Kinder hat, dann muss man Prioritäten setzen“, sagt Per Fragemann und liefert damit auch die Erklärung für die Matratze an der Wand.

Von hektischer Betriebsamkeit ist in dem Loft mit den Ziegelmauern und dem Tonnengewölbe jedoch nichts zu spüren. Das hat mit der Urlaubszeit zu tun,  aber viel auch mit dem Selbstverständnis der Firma. Und auch den Klischee-Kicker sucht man hier vergebens. Nur ein Surfbrett in der Ecke fällt auf. Was es damit auf sich hat? „Es erinnert mich an Australien“, sagt Fragemann, „seitdem habe ich es aber auch nicht mehr benutzt“. In einer anderen Ecke steht ein zweites.

Erste Schritte in Down Under

Australien ist der Geburtsort von Small Improvements. Der Softwareentwickler hatte als Entwicklungsleiter für das australische Unternehmen Atlassian gearbeitet und zuletzt ein Team von 15 Mitarbeitern geführt. Bei den Australiern waren regelmäßige Feedback-Runden üblich, etwas, das Per Fragemann von seinen früheren deutschen Arbeitgebern noch nicht kannte. „Ich fand das cool, selbst wenn es auch mal unbequeme Rückmeldungen waren. Nur die Computerunterstützung dazu, die fand ich grottenschlecht.“ Zu benutzerunfreundlich, zu schlecht navigierbar und vor allem eines: zu zeitraubend. Ungewöhnlich, vor allem für eine innovative Software-Firma wie Atlassian.

Doch Alternativen gab es nicht – eine Marktlücke, wie Per Fragemann damals fand. „Ich habe dann einfach gesagt, ich baue etwas, dass ich als Mittelmanager gerne benutzen würde, und zeige es ein paar Leuten. Aber das Ziel war natürlich dann, wenn es funktioniert, eine Firma daraus zu machen.“ Für den Bau des Prototyps kehrte er nach Deutschland zurück. Den gebürtigen Hamburger zog es nach Berlin. Das war Mitte 2010. Im März 2011 folgte dann die offizielle Firmengründung.

„Meine Wunschliste für das ideale Feedback-Tool war im Nachhinein natürlich total falsch“, sagt er. Ursprünglich ging es darum, ein sehr leichtgewichtiges Modul zu bauen, eine Art kleiner, täglicher Nachrichtendienst. Nach ersten Betatests war schnell klar, dass das nicht genügt. Heute ist das Messaging-Tool das vierte Kernmodul der Software. Die anderen drei sind Unterstützungen für das klassische Performance Review, 360°-Feedback und Zielvereinbarungen – doch alles auf sehr wenige Punkte reduziert. So beschränkt sich zum Beispiel die Leistungsbeurteilung auf einen Punkt, den man in einem Zweiachsendiagramm zwischen Ergebnis und Verhalten setzt, sowie den Fragen, was gut war und was besser werden könnte. „Das Problem ist, wenn man nur auf HRler hört, dann bekommt man eine Liste mit 130 Features, da sie sich ja sehr ausgefeilte Prozesse überlegen. Und fragt man hundert Personaler bekommt man hundert verschiedene Listen. Wenn man das dann programmiert, kommt da ein Monster heraus, für das kein Mitarbeiter Zeit hat. Deshalb ermöglichen wir nur ein gewisses Maß an Features, mit dem keine komplexen Formulare aufgebaut werden können.“

Organisches Wachstum

Die Fragen nach mehr Features kommen immer wieder. Doch da bleibt Per Fragemann hart, auch auf die Gefahr hin, dass der Kunde abspringt. Das liegt zum einen an der grundsätzlichen Idee hinter Small Improvements, aber auch daran, dass er verhindern will, dass seine junge Firma sich mit einem Kunden übernimmt. „Unser wichtigstes Ziel ist es, ein tolles Produkt zu bauen und Spaß dabei zu haben – und nebenbei wollen wir den Weltmarkt aufrollen für kleine bis mittlere Unternehmen“, erläutert er und meint das völlig ernst. So passiert es dann, dass auch Branchengrößen wie Adobe von dem Berliner Startup ein freundliches „können wir nicht leisten“ zu hören bekommen.

Das Geld spielt dabei keine Rolle, es auszugeben wäre das Problem. Das Unternehmen müsste schneller wachsen, als es der Fachkräftemarkt zulässt. Zwar ist das Angebot an IT-Spezialisten in Berlin noch besser als anderswo in Deutschland, „aber wir konkurrieren hier mit Consumer-Firmen wie Soundcloud. Sie sind unsere Kunden aber gleichzeitig auch unser Erzfeind im Recruiting. Hinzu kommt, dass wir sehr hohe Ansprüche haben und gute Leute sind eben rar“, erläutert Fragemann. Der Lebenslauf eines Kandidaten ist für ihn und seine Kollegen eher nebensächlich. Sie wollen sehen, was der Bewerber neben seiner normalen Arbeit aus Lust und Laune programmiert hat. „Uns ist es sehr wichtig, dass wir gleich über Technik reden“, sagt er, „jedoch auch, dass die Leute sympathisch sind. Aber das ist keine Entscheidung, die ich alleine treffe.“

Bekannt ohne Marketing

Rund 350 Kunden hat Small Improvements derzeit, die meisten davon sitzen in den USA und Australien, aber auch in Island und Großbritannien. Dabei sah es lange Zeit nicht danach aus, als würde Fragemanns Idee funktionieren. Gestartet ist er als One-Man-Show mit einem Eigenkapital von 50.000 oder 60.000 Euro – so genau weiß er das heute nicht mehr. Wie knapp es war, ist ihm heute noch anzumerken. Als die ersten Zahlungen der Kunden einliefen, waren noch knapp 5.000 Euro Kapital übrig. Mitte 2011 wäre es dann wohl vorbei gewesen. „Richtig gewusst, dass es klappt, habe ich erst, als Atlassian gesagt hat, sie seien zufrieden.“ Fragemanns alter Arbeitgeber war auch sein erster Betatester.

Und dennoch passierte erst einmal wenig, bis dann nach ein paar Wochen Mails einliefen. „HRler sind untereinander sehr gut vernetzt und haben angefangen, sich auf Konferenzen auszutauschen. Und dann fiel unser Name wohl öfter.“ Diese Kundenempfehlungen sind es dann auch, auf die Small Improvements setzt, denn Marketing betreibt das Startup so gut wie keines. Gerade in den USA und Australien kommt den Berlinern aber auch zugute, dass dort die Feedback-Kultur deutlich ausgeprägter ist als in Deutschland und die Unternehmen experimentierfreudiger sind.

Und was hat es mit dem Namen auf sich? Per Fragemann lacht, als er die Frage hört. Bei Atlassian gab es damals jedes Jahr eine neue Softwareversion. Und im Bericht dazu stand ganz am Ende hinter den großen neuen Features auch die Rubrik „Small Improvements“, unter der all die kleinen Korrekturen und Anpassungen zusammengefasst wurden. „Ich fand das witzig, weil in diesem Bericht immer genau die Dinge standen, die die Kunden wirklich haben wollten. Die großen Features waren immer nur für wenige interessant.“

Und der Name passt eigentlich auch ganz gut zum Feedback-Prozess an sich und zu seiner Firma selbst, findet Fragemann. „Es geht nicht darum, uns alle fünf Jahre zu revolutionieren, sondern darum, jeden Tag ein wenig besser zu werden.“