Leben wir in einer Diktatur der Daten?

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Daten geben durch Korrelationen Tatsachen preis, können jedoch keine Ursachen offenbaren, sagt Viktor Mayer-Schönberger. Der Oxford-Professor für Internet Governance and Regulation sprach auf dem Personalmanagementkongress über die drohende Diktatur der Daten, die Tugend des Vergessens und menschliche Demut.

Die Polizei kann durch Software Verbrechen vorhersagen und Google prognostiziert eine Grippewelle durch Suchanfragen mittlerweile schneller als das amerikanische Gesundheitsbehörden vermögen. Die Big-Data-Analyse sei längst keine Science Fiction mehr, sagt Viktor Mayer-Schönberger in seiner Keynote am Freitagvormittag auf dem Personalmanagementkongress. Er spricht über die Auswirkungen unserer datengetriebenen Gesellschaft auf unsere Arbeitswelt. Mittlerweile gibt es gigantische digitale Datenmengen über uns – wir sind auf dem Weg von Small Data zu Big Data. Denn nach und nach ist das Sammeln und Auswerten von Daten nicht mehr aufwendig und teuer. Was bedeutet das für uns?

Die Big-Data-Analyse ist keine Ursachenforschung

Zuallererst weist Viktor Mayer-Schönberger auf einen Irrtum hin: Daten können uns keine Ursachen erklären. Datenanalysen verraten lediglich durch Korrelationen, wie etwas ist, jedoch nicht weshalb. Eine Studie ergab beispielsweise, dass Fahrer orangefarbener Autos weniger Unfälle bauen. Über das Warum bräuchten man gar nicht nachdenken, sagt Viktor Mayer Schönberger und ein kurzes Lachen geht durch den Saal. „Wir wissen es nicht!“. Versuchten wir, es herauszufinden, begäben wir uns in eine Diktatur der Daten.

Die Datenanalyse hat aber auch vielen Menschen geholfen, vor allem in der Medizin. Muster, die durch Datenmengen erstellt wurden, erlauben eine Prognose über mögliche Infektionen, sodass rechtzeitig Medikamente verabreicht werden können.

Was also ist der wirtschaftliche Mehrwert der „Datafizierung“ unserer Welt? Denn sie verändert Geschäftsmodelle, die interne Organisation von Unternehmen und wie Menschen miteinander arbeiten. Die Zeit der Experten ginge sukzessive zu Ende, sagt Meyer-Schönberger. Entscheidungen, die sie treffen, ohne sie mit Daten beweisen zu können, verlören ihre Gültigkeit; ihnen werde nicht mehr vertraut.

Schattenseiten von Big Data

Hier werden die Schattenseiten von Big Data deutlich: Die Vergangenheit, die bisher analysierten Daten, beschränken unsere Entscheidungsfähigkeit. Das Vergessen scheint nicht mehr erlaubt. Dabei ist die Funktion des Vergessens essentiell, um zu wachsen und sich zu entwickeln. Die zweite Schattenseite ist die Determination durch Verhaltenvorhersagen. Mayer-Schönberger erzählt vom Predictive Policing, das der Polizei erlaubt, durch Software Verbrechen vorherzusagen. „Wo man sucht, findet man auch“, sagt er dazu. Werden wir künftig keine KFZ-Versicherung mehr bekommen, weil eine Statistik vorgeblich ergab, dass wir unfallhäufiger fahren werden? Man hätte keine Chance mehr, das Gegenteil zu beweisen, führt er das absurde Ausmaß von Big Data vor.

Ist dies das Ende des freien Willens? Das sei es nicht, wenn wir uns wieder auf Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein besinnen. User müssen auf die angemessene Verwendung ihrer Daten vertrauen können, Unternehmen sollten verantwortungsvoll mit ihnen umgehen. Mayer-Schönberger erinnert an die Kraft unserer Irrationalität, Kreativität und die Fähigkeit, uns gegen die Datenvorhersagbarkeit zu entscheiden. „Gehen wir in dieses spannende Zeitalter von Big Data mit einer gehörigen Portion von Demut und Menschlichkeit“, bittet der Oxford-Professor um einen ethischen Rahmen für Big Data. Denn letztlich sind sie doch immer nur ein Schatten der Wirklichkeit.