Suchen, Finden und Ausprobieren

Lena Felixberger bietet mit ihrem Startup Descape die Möglichkeit an, in andere Berufe unverbindlich reinzuschnuppern. Wie das funktioniert, welche Tätigkeiten besonders beliebt sind und was die Generation Y damit zu tun hat, erklärt sie im Interview.

Jung, aufgeschlossen und immer auf Akquise – Lena Felixberger erscheint wie die typisch moderne Berliner Gründerin. Zum Interview kommt sie direkt aus dem Home Office, und bei der kurzen Fotosession fragt sie die Fotografin, ob diese nicht vielleicht auch ein „Descape“ anbieten, also Interessierten die Möglichkeit geben wolle, bei ihr die Arbeit hinter der Kamera näher kennenzulernen. Denn gerade solche kreativen Jobs sind beliebt. Etwa fünf Monate ist es jetzt her, dass Felixberger den Schritt zur Unternehmensgründung gegangen ist – zuvor war sie als freiberufliche und angestellte Werbetexterin tätig, hat Grafikdesign studiert und Frisörin gelernt. Sie sagt, sie habe sich immer schon für viele verschiedene Tätigkeiten interessiert.

Frau Felixberger, zunächst eine etwas persönliche Frage: Wie zufrieden sind Sie aktuell mit dem, was Sie tun?
Mit dem, was ich gerade tue, bin ich hochzufrieden. Ich habe im Laufe meines Berufslebens gelernt, dass ich umso zufriedener bin, je selbstbestimmter ich arbeiten kann. Daher war jeder Karriereschritt für mich ein Schritt in Richtung Autonomie. Und jetzt ein eigenes Unternehmen zu gründen, die volle Verantwortung dafür zu haben, aber eben auch den vollen Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum, das ist für mich die ultimative Erfüllung.

Wenn man Ihren Lebenslauf anschaut, hat man das Gefühl, dass es ein wenig gedauert hat, bis Sie das gefunden haben, was Sie machen wollen.
Ja, das war auch so. Es war viel Suchen, Finden und Ausprobieren dabei. Ich mag und mochte meinen Job als Werbetexterin sehr gerne, aber auch in dieser Zeit habe ich schon in Festanstellungen immer nach Positionen gesucht, wo ich selbstbestimmt arbeiten kann. Das mündete dann zunächst in meiner Tätigkeit als Freiberuflerin.

Jetzt könnte man sagen: Typisch Generation Y. Dauernd auf der Suche nach einem besseren Job.
Wenn man so will, bin ich dahingehend tatsächlich ein typischer Vertreter der Generation Y, die sich durch viele kreative, im digitalen Umfeld arbeitende Menschen auszeichnet. Das führt meiner Wahrnehmung nach bei vielen zu dem Bedürfnis, mal wieder etwas Handfestes zu machen. Mal raus aus dieser manchmal sehr vergeistigten und technologisierten Welt zu so etwas wie Schreinern, Kochen oder Gärtnern.

Solche Jobs bieten Sie auch bei Ihrem Startup Descape an. Da überwiegen klar die Angebote aus dem naturnahen oder künstlerischen Bereich. Warum beschränkt es sich vor allem darauf? Wo sind die Bürojobs?
Wir schließen überhaupt nicht aus, auch andere Berufe anzubieten. Wir haben nur den ersten Fokus in der Akquise auf diese handwerks- und naturnahen Berufe gelegt, weil wir da die größte Nachfrage gespürt haben. Darüber hinaus ist es für uns eine Frage der Positionierung, schließlich ist der Name Descape eine Zusammensetzung von „desk“ und „escape“, also Flucht vom Schreibtisch.

Um einen anderen Job auszuprobieren, könnte man aber auch ein Praktikum machen.
Das könnte man, macht aber keiner. Niemand, der in seinem Job etabliert ist, dafür vier Jahre studiert hat, kündigt seine bezahlte Stelle, um ein Praktikum zu machen.

Da ist die Hemmschwelle, gegen Bezahlung eine zeitlich eng begrenzte Auszeit zu nehmen, um etwas Neues kennenzulernen, geringer?
Absolut. Zudem glaube ich, dass die meisten Leute, die ein Descape machen, ihren Beruf gar nicht aufgeben wollen. Die wollen vielmehr etwas ausprobieren, was sie vielleicht schon lange im Kopf haben. Die wenigsten werden am Ende ihren Job ändern, aber mich würde es schon freuen, wenn sie mit neuer Perspektive und Inspiration in ihren alten Job zurückkehren.

Also geht es gar nicht so sehr darum, endlich den Traumjob zu finden?
Es gibt unterschiedliche Motivationen: Die einen stellen den Freizeit- und Erholungswert in den Vordergrund, wollen einfach mal eine ganz andere Tätigkeit ausüben. Dann gibt es den Aspekt, dass man sich Wissen aneignen will in einem bestimmten Bereich. Mein Mitgründer zum Beispiel ist Designer und er würde gerne zur Weiterbildung ein Descape in einem 3D-Studio machen. Und schließlich gibt es bei vielen auch noch diese kindliche Begeisterung für einen Beruf, der auf diesem Weg ohne weitere Verpflichtung nachgegangen werden kann.

So gesehen wirkt Ihr Angebot eher wie eine Freizeitaktivität als eine nachhaltige Flucht vom Schreibtisch.
Ich bin sicher, dass der typische Descape-Nutzer nicht unglücklich in seinem Job ist. Deswegen sehen wir unser Angebot auch als Möglichkeit für Unternehmen, beispielsweise als Incentives.

Und wenn dann ein paar Mitarbeiter auf den Geschmack kommen und nicht mehr in ihren alten Job zurückkehren?
Die Mitarbeiter laufen nicht weg, weil sie mal ein oder zwei Tage eine tolle Erfahrung machen. Wenn wirklich einer kündigt, weil er eine Woche lang als Schreiner gearbeitet hat, dann hatte er bereits vorher innerlich gekündigt. Ich denke, die Mitarbeiter wissen ihren Beruf danach eher nochmal anders zu schätzen. Und das ist einfach eine moderne Form, Mitarbeiter zu motivieren. Man spricht ja auch immer davon, wie wichtig es ist, dass man ein Problem aus ganz vielen verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Da könnte doch auch das, was ein Manager von einem Spitzenkoch lernt, sehr bereichernd sein.

Ist eigentlich denjenigen, die eine Auszeit anbieten, bewusst, wie sie um ihren Job beneidet werden?
(lacht) Ich glaube das ist denen noch nicht so richtig bewusst. Das ist auch das Schöne, dass solche Berufe so auch eine große Aufwertung erfahren. Am Ende ist es wohl ein beiderseitiges Profitieren.

Heutzutage ist Arbeit generell sehr starken Ansprüchen ausgesetzt. Spezialisierte Jobbörsen für vermeintlich sinnhafte Tätigkeiten florieren. Ihr Angebot geht ebenfalls in diese Richtung. Ist das nicht nur ein Hype?
Das denke ich nicht. Wir arbeiten einfach sehr lange in unserem Leben, daher sollte das schon Spaß machen und Sinn stiften.

Was bedeutet das für die Arbeitswelt, wie sie heute ist?
Unternehmen werden massiv umdenken müssen. 2020 werden 50 Prozent aller Arbeitnehmer der Generation Y angehören. So gesehen werden die Bedürfnisse dieser Generation im Moment von den Unternehmen noch unzureichend beantwortet. Arbeit wird vielfach nicht mehr als Nine-to-Five-Job von Montag bis Freitag definiert, die Entwicklung geht nun mal dahin, dass Leben und Arbeit mehr und mehr verschmelzen. Irgendwann wird jeder ganz selbstverständlich seinen Arbeitsplatz so gestalten, wie es für ihn am effizientesten, am produktivsten aber auch am inspirierendsten ist.

Stirbt das klassische Angestelltendasein aus?
Nein. Aber wer die Möglichkeit dazu hat, wird die Art und Weise selbst gestalten. Dann arbeitet man auch glücklicher und produktiver. Und wenn es mir hilft, zwei Stunden im Café zu sitzen, weil ich da auf bessere Gedanken komme – warum solls der Arbeitgeber verbieten?

Und wird es noch den einen Job geben, den man zeitlebens ausübt?
Nein, das glaube ich nicht. Wir leben in einer Welt, die uns unzählige Möglichkeiten bietet und wir sind nicht mehr zufrieden damit, nur einen geringen Teil davon auszuprobieren. Heute leben wir in mehr Städten als früher, man ist meist auch nicht mehr nur mit dem einen Partner ein Leben lang zusammen, wechselt die Arbeitsstelle häufiger und wird demnächst auch den Beruf nochmal öfter wechseln. Je länger wir arbeiten, desto eher wird das passieren. Und man lernt mit jedem Job, den man macht, bestimmte Fähigkeiten, die einem später weiterhelfen. Zum Beispiel habe ich bei meiner Frisör-Ausbildung gelernt, unbefangen mit Leuten zu reden. Das hilft mir heute noch.

Dann müssen also nur noch die Personaler davon überzeugt werden, solche Leute auch einzustellen?
Genau (lacht). Aber die werden das schon noch früh genug merken.