Veränderung von oben

„Die Beharrungskräfte der bislang überwiegend männlich dominierten Führungsgremien sind enorm“, sagt Monika Schulz-Strelow. Die Top-Lobbyistin für die Frauenquote im Gespräch.

Frau Schulz-Strelow, die Quote, über die am Donnerstag aufgrund eines Antrags des Bundesrates im Bundestag abgestimmt wurde, hätte nur für Aufsichtsräte gegolten. Hätte das gereicht erstmal?

Wir treten seit langem für eine Quote in den Aufsichtsräten ein. Sie ist ein wichtiges Signal, weil die Veränderung auch von oben kommen muss. In den Kontrollgremien werden die wichtigen Personalentscheidungen getroffen und insbesondere auch der Vorstand gewählt. Aus den Aufsichtsräten heraus lässt sich der Kulturwandel im Unternehmen leichter einleiten, dies strahlt auf alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus und hat Vorbildfunktion.

Der Antrag sah eine verpflichtende Quote von 20 Prozent ab 2018 vor und sollte ab 2023 auf 40 Prozent steigen. Ein zu langer Zeitraum in Ihren Augen?

Eigentlich ist dieser Zeitraum viel zu lange. Dabei geht viel zu viel Energie verloren. Dies ist als Minimalkonsens zu betrachten, um die CDU-geführten Bundesländer mit ins Boot zu holen. Viel wichtiger aber ist das grundsätzliche Zeichen, dass sich jetzt alle Unternehmen bewegen müssen – einige erreichen ja die vorgeschriebenen Quoten schon längst.

Ist es denn Sache des Staates sich in die betriebliche Frauenförderung einzumischen mit einer gesetzlichen Quote? Löst der drohende Fachkräftemangel das Problem nicht langfristig von alleine?

Die Beharrungskräfte der bislang überwiegend männlich dominierten Führungsgremien sind enorm. Daran ändert weder der Fachkräftemängel etwas noch die zahlreichen Studien, die Unternehmen mit hoher Diversity in der Führungsetage größeren wirtschaftlichen Erfolg bescheinigen. Gerade weil sich über rationale Argumente alleine nichts ändert, brauchen wir den normativen „Zwang“ der Quote. Der Staat ist hier gefordert, wie im Grundgesetz vorgesehen, seinen Einfluss geltend zu machen. Das gilt für die börsennotierte und mitbestimmte Privatwirtschaft wie auch für die öffentlichen Unternehmen.

Wie bewerten Sie die Entwicklung der letzten Jahre in der deutschen Wirtschaft? Es wurden zuletzt einige Frauen in den Vorstand großer Unternehmen berufen.

Wir sehen die Entwicklung grundsätzlich sehr positiv. Wir bilden ja im Women-on-Board-Index ab, dass sich etwas tut. Aber die Fortschritte sind noch viel zu gering, in den Aufsichtsräten der 160 Dax-Unternehmen sind wir derzeit bei 16,2 Prozent, in den Vorständen sogar bei nur 5,9 Prozent. Wer nur eine Frau in den Aufsichtsrat oder den Vorstand holt, leitet damit noch nicht die notwendige Veränderung der Unternehmenskultur ein. Dafür sind je nach Größe des Kontrollgremiums mindestens zwei bis vier Aufsichtsrätinnen erforderlich. Bis dahin ist es leider noch ein weiter Weg. Auch mit einer Quotenregelung wäre der Weg nicht viel leichter, denn Vorgaben sind das eine, nachhaltige Umsetzungen sind das Entscheidende. Aber unabhängig davon, ob die gesetzlich verbindliche Quote kommt: Wir bleiben am Thema dran.