Warum Recruiting auch Chefsache werden muss

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Recruiting muss auch zur Chefsache werden
(c) gettyimages / Robert Daly

Führungsebene und HR wird es nur im Team gelingen, die passenden Mitarbeiter zu gewinnen, sagt Sebastian Dettmers, Geschäftsführer von Stepstone.

Unternehmen müssen agiler werden, denn Märkte wandeln sich heute in atemberaubendem Tempo. Wer heute und in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben will, benötigt schnelle Entscheidungsprozesse und Mitarbeiter, die Verantwortung übernehmen. Der einzelne Arbeitnehmer wird daher wichtiger denn je – und damit auch die Mitarbeitergewinnung und die Personalarbeit. Ein Aufruf an Deutschlands Chefetagen, Recruiting endlich als strategische Priorität zu erkennen und der Personalarbeit die gebotene Aufmerksamkeit zu schenken.

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Im digitalen und globalen Zeitalter tauchen über Nacht neue Businessmodelle auf, ein hoher Innovationsdruck verlangt Organisationen schnelle Entscheidungen ab. Der Takt von Vorstandssitzungen und Gremienentscheidungen ist viel zu langsam, um mit dem Wettbewerb Schritt zu halten und früh genug Innovationen zu entwickeln. Viele Unternehmen reagieren bereits: Sie verlagern Entscheidungskompetenz in die Breite des Unternehmens.

Warum passende Mitarbeiter wichtiger denn je sind

Denn allzu starke und mehrgliedrige Hierarchien hemmen den Entscheidungsfluss und damit oft auch Innovationen. Außerdem laden sie Mitarbeiter dazu ein, Dienst nach Vorschrift zu leisten, statt eigene Ideen einzubringen und neue Lösungswege zu finden. In einer agilen Arbeitswelt reicht es nicht aus, einen fähigen Chef zu haben, der die Mitarbeiter anleitet. Im qualifizierten Bereich ist jeder Mitarbeiter ein Manager, der für das Gelingen seiner Projekte zuständig ist: Er muss Initiativen antreiben, Entscheidungen eigenverantwortlich und im Einklang mit Unternehmensziel und -philosophie treffen, kurz: Er muss wie ein Intrapreneur agieren.

Mit diesem Verantwortungsgewinn wächst der Einfluss jedes einzelnen Mitarbeiters auf den Unternehmenserfolg. Es war noch nie so wichtig wie heute, die richtigen Mitarbeiter zu rekrutieren und zu halten – dabei zählen nicht nur die fachlichen Kompetenzen und Fähigkeiten, sondern auch die Einstellung und der Wille, sich ins Team einzubringen. Gleichzeitig war die Mitarbeitersuche nie so schwierig wie heute. Die Nachfrage nach spezialisierten Fachkräften in Bereichen wie IT, Ingenieurwesen oder auch Sales steigt seit Jahren. In den meisten Unternehmen gibt es heute schon erfolgskritische Profile, die nur mit Mühe besetzt werden können. Fachkräfte, welche die Digitalisierung in Organisationen vorantreiben können, sind besonders nachgefragt.

HR braucht Rückendeckung von der Führung

Viele Arbeitgeber haben erkannt, dass die Gewinnung der richtigen Mitarbeiter mehr und mehr zur wichtigsten Säule für den zukünftigen Erfolg von Unternehmen wird. Allerdings bleibt es allzu oft bei Lippenbekenntnissen: CEOs lassen sich damit zitieren, dass sie mitten im „War for Talent“ stecken – sie rüsten dann aber nicht entsprechend auf.

Seien wir ehrlich: Selbst dort, wo der HR-Chef Teil der Geschäftsleitung ist, spielt er oftmals eine untergeordnete Rolle. In kaum einem Unternehmen genießt die HR-Abteilung den Ruf, absolut erfolgskritische Arbeit zu leisten. Abteilungen wie Einkauf oder Vertrieb sind meist wesentlich angesehener. Warum sonst müssen so viele Personalabteilungen um ausreichend Budget für eine zeitgemäße Rekrutierung kämpfen? Warum müssen Recruiter wochenlang auf eine Freigabe seitens der Geschäftsführung warten, wenn es um die Neubesetzung einer Vakanz geht? Warum scheitern Initiativen für eine transparente Darstellung der Firmenkultur nach außen am Veto der Geschäftsführung?

Sicher, es ist auch Aufgabe von HR, hier einen Sinneswandel zu bewirken. HR-Verantwortliche müssen die Sprache des Managements lernen, sich an messbaren Kennzahlen (KPIs) orientieren, um Relevanz und Auswirkungen der eigenen Arbeit auf das Business überzeugend darzustellen. Hier ist noch Luft nach oben: Gut die Hälfte der Recruiter in Deutschland erhebt keinerlei KPIs, wie eine Stepstone-Befragung von 2018 zeigt.

Mitarbeitergewinnung und -bindung ist Top-Managementaufgabe

Doch der Personalabteilung allein die Schuld zu geben, ist nicht fair. Denn neben einem klaren Commitment zur Arbeit von HR ist die Arbeitgeberattraktivität eine der wichtigsten Rahmenbedingungen für erfolgreiche Mitarbeitergewinnung und -bindung. Es liegt in der Verantwortung der Führungsebene, eine positive Unternehmenskultur zu etablieren und diese nachhaltig zu leben. Eine aufgesetzte Employer Brand wird heutzutage blitzschnell entlarvt, weil potenzielle Bewerber mithilfe von Arbeitgeberbewertungen hinter die Kulissen blicken können. Wenn Mitarbeiter aufgrund der Führungskultur unzufrieden sind, kann auch die beste HR-Organisation nicht viel bewirken. Das Bekenntnis der Chefetage zur Bedeutung der Unternehmenskultur ist die Grundlage für erfolgreiche Rekrutierung. Führung und HR brauchen diesen Schulterschluss, denn in der Wirtschaft gilt: Ohne gute Mitarbeiter ist alles nichts.