Weiterbildung nach Corona: Grün, digital, on demand

Gerade in der Corona-Rezession gewinnt auch die Weiterbildung gut qualifizierter Beschäftigter an Relevanz. Dafür brauchen wir eine neue Lernkultur.
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Gerade in der Corona-Rezession gewinnt auch die Weiterbildung gut qualifizierter Beschäftigter an Relevanz. Dafür brauchen wir eine neue Lernkultur.

Homeoffice statt Büro, virtuelle Meetings statt persönlicher Zusammenkünfte, Online-Training statt Präsenz-Seminar: Die Corona-Krise verändert die Art und Weise wie wir zusammenarbeiten und lernen massiv. Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich daraus für die berufliche Qualifizierung? Was erwarten Fachkräfte? Dazu hat das VDI Wissensforum 660 Ingenieure und technische Fach- und Führungskräfte befragt. Die Ergebnisse unserer Online-Umfrage „Weiterbildung in der Corona-Rezession“ belegen, dass Qualifizierung auch für gut ausgebildete Beschäftige an Relevanz gewinnt. Um den Innovationsstandort Deutschland zu stärken, brauchen wir gerade jetzt eine neue Weiterbildungskultur.

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Know-how-Gap gefährdet Innovationsstandort Deutschland

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind erst wenige Monate vergangen, doch schon jetzt registrieren mehr als 50 Prozent der Befragten Lücken bei der Weiterentwicklung ihres fachlichen Know-hows.

Wissensforum VDI Online-Umfrage

58 Prozent rechnen damit, dass die Auswirkungen der Rezession die Ingenieursbranche mehr als ein Jahr lang beeinträchtigen werden. Über 30 Prozent sehen infolge der Krise und des Know-how-Gaps sogar den Innovationsstandort Deutschland in Gefahr. Die befragten Ingenieure sind also nicht nur um ihr persönliches Fortkommen besorgt, vielmehr fürchten sie negative Konsequenzen für das Fachwissen der gesamten Branche.

Wissensforum VDI Online-Umfrage

Gerade die hervorragende Aus- und Weiterbildung von Ingenieuren und technischen Fachkräften ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil und Erfolgsfaktor des Innovationsstandorts Deutschland. Diesen Vorsprung drohen wir nun zu verlieren. Bereits vor der Krise hat der Beschäftigungsausblick 2019 der OECD gezeigt, dass nur 50 Prozent der Arbeitnehmer für die digitale Arbeitswelt ausreichend gerüstet sind. Bei Ingenieuren und hoch qualifizierten technischen Fachkräften sieht es zwar besser aus, doch selbst sie sind noch nicht optimal auf die digitalen Herausforderungen eingestellt. Das ist riskant. Schließlich sind Ingenieure zusammen mit Digitalspezialisten maßgebliche Innovationsarchitekten unserer Zukunft, wenn man an Elektromobilität, grünen Wasserstoff oder den Einsatz von KI und Robotik im Alltag denkt.


Mit forcierter Weiterbildung aus der Krise: ungewöhnliche Konzepte ausprobieren

Vor diesem Hintergrund ist berufliche Weiterqualifizierung jetzt wichtiger denn je. Auch wenn Unternehmen und Staat derzeit alles daransetzen, die Auswirkungen der Rezession möglichst gut zu meistern: Um Wachstum und Wohlstand auch unter den Vorzeichen der Digitalisierung dauerhaft zu sichern, müssen wir die berufliche Weiterbildung nachhaltig stärken.

Maßnahmen wie das „Qualifizierungschancengesetz“ und das neue „Arbeit-von-morgen-Gesetz“ bieten gute und richtige Ansätze. Sie gehen aber noch nicht weit genug und zielen vor allem auf die Förderung von gering qualifizierten Arbeitnehmern. Um die Krise zu bewältigen, muss auch die Weiterbildung qualifizierter Fachkräfte staatlich unterstützt werden. Das fordern 58 Prozent der von uns befragten Ingenieure. Dafür müssen sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen: staatliche Institutionen, Unternehmen, Arbeitnehmervertreter und Bildungspartner. Dabei sollten wir auch über innovative Konzepte wie Weiterbildungs-Sabbaticals, vernetzte Plattformen und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) intensiv nachdenken.

Selbstbestimmt digital lernen: die neue Weiterbildungskultur

Die aktuelle Situation bietet aber auch Chancen. Sie treibt New Work und die Digitalisierung auch in der beruflichen Fortbildung voran. Damit bahnt sie den Weg für eine neue Weiterbildungskultur, die auf selbstbestimmtes digitales Lernen setzt und intrinsische Motivation fördert. 65 Prozent der Teilnehmer unserer Befragung gehen davon aus, dass Online-Weiterbildungen künftig verstärkt genutzt werden. Ähnliche Ergebnisse zeigt eine Fosway-Umfrage zur betrieblichen Weiterbildung in der Corona-Krise: 71 Prozent der befragten Weiterbildungsverantwortlichen verzeichnen eine zunehmende Nachfrage nach digitalem Lernen. Bei hochrangigen Stakeholdern sind es sogar 82 Prozent.

Gefragt sind dabei flexible Angebote, die sich an den Bedürfnissen der Nutzer orientieren und Lernen individuell, mobil und „on demand“ ermöglichen – also genau dann, wenn Wissen benötigt wird. Und das gerne in Form kleiner Microlearning-Snacks, angereichert mit Gamification-Elementen.

Ob digitale Seminare oder Konferenzen: Besonders attraktiv sind Blended-Learning-Formate, die flexibles informelles Workplace Learning mit Interaktion und Networking verbinden. So steht bei 65 Prozent der Befragten in unserer Umfrage Interaktivität auf Platz 1 der Kriterien für eine interessante digitale Weiterbildung. 71 Prozent legen Wert auf Unterlagen zum Download, 63 Prozent wünschen sich zeitlich flexibel abrufbare Inhalte und 46 Prozent Live-Inhalte.

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KI, grüne Technologien und ein neues Mindset bringen uns voran

Bei der thematischen Ausrichtung neuer Formate geht es darum, den Standort Deutschland nachhaltig voranzubringen. Dabei stehen „grüne“  Zukunftstechnologien wie Elektromobilität oder auch das Internet der Dinge ganz oben auf der Agenda. Schlüsseltechnologien wie KI und Big Data kommen fast überall zum Einsatz: bei der Fertigung von Connected Cars ebenso wie bei der Planung von Smart Buildings. Dafür benötigen Ingenieure mehr Wissen über Automatisierung, Data Analytics und Robotik. Übergreifende Kompetenzen sind ebenfalls gefragt: etwa um sich in interdisziplinären Teams zu vernetzen und agile Prozesse zu managen.

Das alles erfordert ein neues Mindset: Bei Beschäftigten, in den Unternehmen und in der ganzen Gesellschaft muss sich die Erkenntnis durchsetzen, dass alle profitieren, wenn wir unser Leben lang lernen. Eine zweite oder dritte Ausbildung und permanente Weiterbildung werden in Zukunft völlig normal sein.