Wenn Recruiter und Programmierer etwas aushecken

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Das Konzept ist für die deutsche HR-Landschaft ein Novum. Der erste HR-Hackathon bringt Software-Entwickler und Recruiter zusammen. Initiatorin Eva Zils erklärt im Interview, wie daraus innovative HR-Lösungen entstehen sollen.

Für Deutschland ist es so etwas wie eine kleine Premiere. Am 30. und 31. Mai findet im BASE-camp Berlin der erste HR-Hackathon statt. Die Idee dazu stammt von HR-Tech-Expertin Eva Zils, die diese kollaborativen Soft- und Hardwareentwicklungsveranstaltungen in die HR-Szene bringen will. Begleitet wird das Ganze von einem einer Unkonferenz nicht unähnlichem Programm.

Frau Zils, mit dem HR-Hackathon betreten Sie gewissermaßen Neuland und adaptieren das Format für die HR-Szene. Welche Idee steckt dahinter?
Der Gedanke dahinter ist, für HR Software zu entwickeln, an deren Entstehen HR und speziell die Recruiter auch direkt beteiligt sind. Dass die Recruiter und die Entwickler tatsächlich in einem Raum sitzen und zusammen über Ideen und Lösungen nachdenken und miteinander sprechen. Oft haben Entwickler oder HR-Startups schöne Ideen, die aber nicht unbedingt zu den Anforderungen oder Bedürfnissen von HR passen. Es geht darum, die beiden Gruppen, die ja relativ wenig miteinander zu tun zu haben, zusammenzubringen.

Wir kamen Sie darauf?
Die Idee selbst entstand im letzten Jahr. Ich hatte in London ein Interview mit Joel Spolsky, dem Gründer von Stack Exchange. Joel meinte, dass Recruiter und Entwickler nicht miteinander kommunizieren können. Ich denke, für die USA ist das auch wirklich der Fall. Die Recruiter gehen dort viel mehr in Richtung Sales und sehen Kandidaten beinahe wie „Waren“. Darin finden sich Entwickler gar nicht wieder. In Deutschland bin ich mir auf die Recruiter bezogen nicht so sicher, denn hier sitzen die Personaler oft hinter ihren Computern und scheuen die direkte Ansprache. Und so dachte ich, dass man diese beiden Gruppen bestimmt verbinden und ihnen eine Plattform anbieten kann, bei der etwas für beide Sinnvolles entsteht.

Warum ist das nicht schon längst passiert? Es liegt doch nahe, dass sich Nutzer und Programmierer darüber austauschen, was welche Seite braucht.
Das frage ich mich ehrlich gesagt auch. Es wird ja oft darüber gesprochen, dass Recruiting und Personalmarketing inzwischen mehr verknüpft sind und Employer Branding hat ja auch viel mit der Marke selbst zu tun. Da fragt man sich schon, warum Personaler nicht auch mal mit der Marketingabteilung oder der IT in Kontakt treten. Und daran merkt man dann, dass das Abteilungsübergreifende bisher wohl nur kaum funktioniert. Ich denke, das liegt daran, dass Personaler – allerdings wie die Mitarbeiter jeder anderen Abteilung – mit ihren alltäglichen Aufgaben so dermaßen ausgebucht sind, dass sie für das Anschieben von zeitintensivem Austausch mit anderen Abteilungsvertretern schlicht keinen Kopf und keine Ressourcen haben.
Da ist so ein Format wie ein Hackathon eine tolle und zeitgemäße Sache. In manchen „jüngeren“ und technologieaffinen Firmen wird dieses Format zum Beispiel auch intern eingesetzt, um Mitarbeiterbindung zu fördern oder um auf neue Produktideen zu kommen.

Wie wird der Hackathon ablaufen?
Am Anfang werden alle Teilnehmer, also Entwickler und Recruiter, in einer großen Brainstorming-Session überlegen, welche Tools, welche Software für Personaler wichtig und interessant sind, und die Entwickler geben gleich das Feedback, was davon umsetzbar ist. Dann sammeln wir die Projekte und bilden die Entwickler-Teams. Das wird schon einen guten Teil des ersten Vormittags in Anspruch nehmen. Wenn die Teams zusammengesetzt sind, werden sie sich mit ihren Projekten auseinandersetzen und diese programmieren. Die Recruiter bekommen ab diesem Moment ein Programm geboten, das letztendlich wie eine Unkonferenz funktioniert. Hier können dann dynamisch Themen besprochen werden, die Personaler interessieren, die ein wenig über den Tellerrand hinausgucken möchten. Es wird beispielsweise Live-Sourcing-Hacks geben, es wird um Social Media Marketing, Collaboration-Tools, effektives IT-Recruitment und Ähnliches gehen. Gleichzeitig werden wir auch immer wieder schauen, wie die Entwickler vorwärts kommen, so dass die Recruiter, die die Idee für ein bestimmtes Produkt geben haben, regelmäßig mit den Entwicklern in Kontakt treten, recherchieren oder die Präsentationen „ihrer“ Prototypen vorbereiten. Am nächsten Tag entscheidet die Jury, welches Team die beste Idee umgesetzt hat. Abschließend gibt es die Preisverleihung und für alle, die noch Zeit haben, einen gemütlichen Ausklang.

Sie hatten die Teams angesprochen, sind das reine Programmierer-Teams, die im stillen Kämmerlein entwickeln, oder sind die Recruiter Teil der Gruppe?
(lacht) Das stille Kämmerlein wird es da sowieso nicht geben. Der Hackathon findet im BASE_camp statt. Das ist ein großer Raum mit einigen verteilten Sitz- und Arbeitsecken, insofern ist der Austausch vorprogrammiert. Die Teams an sich werden klein sein, maximal drei bis vier Leute pro Team. Bei einem Vierer-Team werden das höchstwahrscheinlich drei Entwickler und ein Recruiter sein.

Was glauben Sie, welche HR-Themen werden besonders im Fokus stehen? Welchen Bedarf könnte man erwarten?
Das ist eine gute Frage. Ich habe mich mit einigen Recruitern schon im Vorfeld unterhalten, womit sie so am meisten zu kämpfen haben. Das kann dann schon etwas ganz Simples sein wie beispielsweise eine Verknüpfung zwischen Excel und Outlook. Das sind ja die Tools, mit denen die meisten arbeiten. Das kann aber auch in Richtung Mobile Applying gehen oder eine Browser-Erweiterung sein. Wir haben darüber hinaus einige Software-Schnittstellen, also APIs, an denen Projekte direkt entwickelt beziehungsweise weiterentwickelt werden können.

Personaler gelten ja landläufig nicht unbedingt als die technikaffinste Profession. Warum denken Sie, dass das jetzt gerade funktionieren wird?
Das ist richtig. Das ist natürlich auch ein Stück weit ein Experiment. Deswegen haben wir uns auch gerade im Vorfeld sehr viel Zeit genommen, mit Recruitern zu sprechen. Das Feedback ist gut, aber nicht jeder sieht da einen Bedarf oder hat Interesse an sowas. Das muss man auch ganz klar sehen: Es werden zu dem Hackathon vor allem die Personaler und Recruiter kommen, die schon weiter denken. Die in größeren oder sehr technikaffinen Unternehmen arbeiten und wissen, dass da was kommt, oder nicht zufrieden sind mit ihren Möglichkeiten. Es ist wichtig, dass man als Recruiter auch an der Entstehung neuer Software aktiv mitwirken kann. Viele bekommen von ihren Entwicklern, wenn sie denen mit irgendeiner Idee kommen, erst einmal ein „Nö, geht nicht“ zu hören, weil die vielleicht grad zu viel zu tun oder keinen Kopf dafür haben. Auf dem Hackathon bekommen die Recruiter also direktes Feedback von außen, von Entwicklern, die klar sagen, was möglich ist.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie an den Hackathon?
Ich erhoffe mir zum einen natürlich Austausch unter den verschiedenen Gruppen. Es wird sicherlich eine ziemlich lockere Atmosphäre werden. Das ist auch das Wichtigste dabei. Und wenn, sagen wir mal, drei bis fünf gute Prototypen am Schluss rauskommen, dann wäre ich glücklich. Es wir natürlich innerhalb von zwei Tagen kein komplett neues System geben. Das ist ganz klar. Aber dass wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass so etwas möglich ist, dass wir beide Gruppen zusammenbringen, das wäre mir wichtig. Und dass es einfach Spaß macht.

Wie viel tatsächliches Recruiting ist dabei? Sie bringen ja schließlich Recruiter und eine sehr begehrte Berufsgruppe zusammen.
Das ist auch etwas, was wir sehr genau im Blickfeld haben werden. Entwickler wollen nicht unbedingt von Recruitern mit irgendwelchen Jobangeboten „beglückt“ werden. Gerade bei anderen Hackathons ist das schon passiert, dass da Personaler oder gerade Personaldienstleister etwas zu aktiv aufgetreten sind. Das kam nicht so gut an. Das heißt, der Austausch soll stattfinden, aber eher im Sinne von Kontaktanbahnung und nicht wirklich aktives Recruiting. Die meisten kommen zum Hackathon, um an spannenden Projekten zu arbeiten und haben eine Menge Spaß an der Herausforderung. Sie suchen dort eher nicht nach einem neuen Job. Das sollte auch weniger im Vordergrund stehen.
Wenn dank des Hackathons ein guter Draht zwischen dem einen oder anderen Entwickler-Recruiter Gespann entsteht, dann freuen wir uns. Für alles darüber hinaus sind Gespür und Geschick des Recruiters gefragt.