„Männer müssen sich von klein auf im Wettkampf beweisen“

(c) gettyimages/Caiaimage/Sam Edwards
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„Bullshit, an den nur Frauen glauben“ heißt Anna Rossis Bestseller mit dem Untertitel „Was dich daran hindert im Job erfolgreich zu sein“. Darin beschreibt sie erfrischend wertfrei, wie man die Regeln der immer noch männlich dominierten Berufswelt durchschaut – und wie man mit ihnen und nach ihnen spielt. Wir haben die Gründerin der Trainingsakademie Business Kollektiv auf der Tagung Führungskräfteentwicklung getroffen und mit ihr über Geschlechterunterschiede und werteorientierte Führung gesprochen.

Frau Rossi, warum glauben so viele Frauen an den in Ihrem Buch beschriebenen „Bullshit“?

Das hat nichts mit Unwissenheit oder Schuld zu tun. Es ist einfach eine Folge unserer Sozialisierung – meiner Meinung nach ein kultureller Faktor. Als Frauen haben wir bestimmte Settings von Regeln und auch Kommunikationsrollen, die wir einnehmen und die aus der Kultur stammen, in der wir erzogen werden. Bei Männern ist das natürlich ganz genauso – nur funktionieren ihre Regeln zum Teil ganz anders. Solche Verhaltensmuster sitzen oft so tief, dass es uns sehr schwer fällt, sie zu bemerken.

Die gute Nachricht ist: Wenn man sich über diese Verhaltensweisen bewusst wird, kann man sie ändern. Bei manchen Dingen ist das ganz einfach, bei anderen braucht es ein bisschen Übung. Man kann auch damit spielen. Ich kann dann bewusst einsetzen, was ich sowieso schon kann, kann mich aber auch anderer Tools bedienen.

Schüchternheit und mangelndes Selbstwertgefühl scheinen für viele Frauen ein Problem zu sein. Was glauben Sie, woran das liegt?

Das hört sich jetzt blöd an, hat aber viel mit dem Fußballplatz zu tun. Männer kommen von klein auf eher in die Situation, dass sie sich im Wettbewerb oder im Kampf beweisen müssen. Dabei ist es für Männer auch nicht so schlimm, daraus mal als der Schwächere hervorzugehen, weil sie das meist schon öfters erlebt haben. Dann geht die Welt nicht unter, sondern sie sagen sich: „Okay, dieses Spiel heute hast du verloren, aber morgen gewinnst du vielleicht wieder.“ Diese Einstellung hilft ihnen, auch im Job vieles spielerischer zu sehen, mit Niederlagen und Misserfolgen entsprechend umzugehen und sich anschließend wieder zu motivieren für das, was danach kommt. Was wir Frauen in dem Punkt von Männern lernen können ist, dass es kein Weltuntergang ist, wenn man eine Sache mal nicht zu 100 Prozent gut gemacht hat.

Woher nehmen Männer die nötige Beharrlichkeit, die sie beruflich weiterbringt?

Männer sind oft besser darin, das Gesamtbild zu sehen. Dann sagen sie, unter der Zeit, dem Budget, der Anzahl der Mitarbeiter, die sie für ein Projekt hatten, war etwas Besseres nicht möglich. Es ist vielleicht nicht gut geworden, aber für die Rahmenbedingungen ist es okay. Das Große und Ganze zu sehen, hilft, sich besser einzuordnen und die eigene Leistung besser zu bewerten. Darin sind Männer oft geübter. Deswegen sind sie nach einer Niederlage motivierter für neue Aufgaben und können besser mit Kritik und Misserfolg umgehen.

Gibt es einen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Führungsstil?

Ja, auf jeden Fall. Gerade sind wir in einer ganz tollen Phase, in der mehr Führungsmittel genutzt werden, die eigentlich eher Frauen zuzuordnen sind. Dabei bewegen wir uns in der horizontalen Kommunikation. In der Kommunikationsforschung wird die vertikale Kommunikation meist der Art und Weise zugeordnet, auf die Männer führen, also entlang der Rangfolge und über Hierarchien. Die horizontale Kommunikation ist das, was Frauen eher mitbringen. Sie schauen auch, dass es im Team menschlich passt, sie führen über Coaching und Feedbackkultur. Das ist etwas, was zum Beispiel die Generation Z auf jeden Fall verlangt.

Wie Startups geführt werden, entspricht demnach eher einer weiblichen Führungskultur, das ist eigentlich ganz cool. Trotzdem finde ich, dass eine gute Führungskraft in beiden Führungskulturen unterwegs sein sollte und jeweils die verschiedenen Methoden beherrschen muss. Manchmal muss ich einfach auf den Tisch hauen und sagen, wo es langgeht, und manchmal ist es doch besser, als Coach zu führen, weil ich Mitarbeiter habe, die komplett selbstständig arbeiten können und keine Anweisungen brauchen.

Wollen wir Frauen denn überhaupt nach den Regeln der Männer spielen? Wäre es nicht erst dann echte Emanzipation, wenn wir unsere eigenen, weiblichen Regeln in der Arbeitswelt etablieren?

Ich persönlich denke gar nicht in den Sphären von männlich und weiblich. Ich identifiziere mich weder mit weiblicher noch mit männlicher Führung. Für mich ist der Horizont so groß, dass ich einfach nur sage, ich führe. Da gibt es verschiedene Mittel, denen ich mich bediene. Ich würde nicht sagen, ich führe weiblich oder männlich, sondern ich führe nach meinen Werten. Das ist die dahinterstehende Frage. Man sollte immer versuchen, die eigenen Werte auch als Führungskraft leben zu können. Es gibt aber auch Situationen, in denen muss ich, um von anderen gehört zu werden, in ihrer Sprache sprechen. Und dafür muss ich wissen, welche Regeln es in diesem Raum gibt, unter diesen Personen, in ihrer Art, zu kommunizieren. Genau das zeigen wir weiblichen Performern, neben strategischen Positionierungsworkshops für Führungsfrauen, auch in unseren Trainings und virtuellen On the Job Coachings. Wenn ich dann aber die Möglichkeit habe, meine eigenen Regeln oder Werte zu setzen und sie auch leben kann, sollte ich das auf jeden Fall tun.

Häufig wird behauptet, dass Frauen Geld, Ansehen und beruflicher Aufstieg nicht so wichtig sind und sie sich lieber auf die Inhalte ihres Jobs oder ihr Leben außerhalb der Arbeit konzentrieren. Soll Ihr Buch auch dabei helfen, diesbezüglich Ziele durchzusetzen?

Bei „Bullshit, an den nur Frauen glauben“ ist der Untertitel „Was dich daran hindert, im Job erfolgreich zu sein“, und Erfolg ist etwas sehr Persönliches. Für manche heißt Erfolg, ich erklimme die Karriereleiter. Ich habe dann Titel X und Status B für Gehalt Z. Für manche heißt Erfolg aber auch, ich habe mehr Zeit. Ich habe zum Beispiel nur noch eine Viertagewoche, ich werde in eine Teilzeitposition gehen, weil andere Dinge in meinem Leben auch noch wichtig sind. Das kann auch heißen, ich möchte andere Aufgaben. Die haben dann nichts mit Status oder Karriereleiter zu tun. Das alles kann auch Erfolg bedeuten, auf jeden Fall.

Hier sollte man sich wirklich überlegen, was man will – das steht auch in Praxisteil meines Buches. Das herauszufinden, ist eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, wo man sich wirklich auch freimachen muss von allen Idealvorstellungen, die es gibt und die von außen an einen herangetragen werden. Was will ich eigentlich für mich erreichen, was bedeutet mir mein Job dabei und was will ich damit erreichen? Möchte ich mich kreativ ausleben, dann muss ich auch Aufgaben haben, die mich inspirieren und meine Kreativität antreiben, wobei alles andere viel weniger wichtig ist. Oder bin ich ein Typ, der Sicherheit braucht? Also zum Beispiel über klare Strukturen und eine gewisse Planungssicherheit – dann sind die inhaltlichen Aufgaben selbst vielleicht nicht so enorm wichtig für mich.

Spielen Sie selbst denn nach männlichen Regeln?

Ich beherrsche sie und ich kann danach spielen. Aber ich versuche es natürlich immer so zu machen, wie ich es selbst gut finde, wenn ich die Möglichkeit dazu habe.

(c) privat
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Anna Rossi ist Gründerin von Business Kollektiv, einer Trainingsakademie für Talente und Führungskräfte. Davor war sie in der Geschäftsführung von Burda Direct sowie für einen Vorstandsvorsitzenden eines internationalen Konzerns tätig.

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