Corona-Krise: Die emotio­nale Ansteckungs­gefahr

Die Corona-Krise wirkt auf viele emotional belastend. Welche Mechanismen stehen dahinter und wie wir am besten damit umgehen.
© unsplash / Parker Byrd

Die Corona-Pandemie gefährdet die körperliche Gesundheit, doch sie schlägt auch auf die Psyche. Wie können Mitarbeiter und Führungskräfte damit umgehen?

Die meisten Menschen arbeiten gerade im Homeoffice und vermeiden weitestgehend soziale Kontakte. Die einen versuchen, Kinderbetreuung und Arbeit gleichzeitig zu managen. Andere sind allein und müssen ihren Alltag völlig neu strukturieren. Manche arbeiten in sogenannten systemrelevanten Berufen und sind teilweise extremen Belastungen ausgesetzt. Dieser Ausnahmezustand führt bei vielen zu Unsicherheit, zu Einsamkeit und zu Stress. Reaktionen, die absolut normal und menschlich sind. Niemand weiß, wie lange dieser Zustand anhalten wird, geschweige denn wie es danach weitergeht. Und viele fragen sich: Welche Auswirkungen hat das auf meinen Arbeitsplatz, auf meine Existenz?

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Unsicherheit ist ein Zustand, den wir Menschen nur schwer aushalten können. Denn wir haben gerne Gewissheit über das, was kommt. Und wir können Ambiguitäten nur bis zu einem gewissen Maß tolerieren. Eine mögliche Ausgangssperre kann schnell zu Lagerkoller führen. Auch wenn mittlerweile fast jeder versteht, warum Social Distancing so wichtig ist: Die Aussicht darauf ist vor allem für Ein-Personen-Haushalte angsteinflößend. Zugleich kann die momentane Situation aber auch für Familien oder Paare belastend sein, wenn diese es nicht gewohnt sind, für so lange Zeit „aufeinander zu hocken“. Mal ganz zu schweigen von dem Stress und dem Druck, unter dem viele Pflegekräfte und Helfer derzeit stehen. Solch eine Dauerbelastung kann langfristig die Gefahr von Burnout und Depressionen bergen.

Neurobiologische Auswirkungen auf unseren Körper

Die emotionale Ansteckungsgefahr (Hatfield et al. 1994) ist dabei so viral wie das Virus selbst. Die Medien sind überschwemmt mit Nachrichten, das Thema ist Gegenstand fast jeder Unterhaltung. Kein Wunder also, dass wir uns gegenseitig mit Angst anstecken, panisch und hysterisch werden (Stichwort Hamsterkäufe) – sei es bewusst durch den Medienkonsum oder unbewusst durch Körpersprache und Mimik. In der Folge kann das zu einer sozialen Negativ-Spirale führen, die auf Spiegelneurone in unserem prämotorischen Kortex zurückzuführen ist. Diese sind auch für unsere Fähigkeit verantwortlich, Empathie zu empfinden.

Wenn wir Angst haben, werden bei uns im Körper verschiedene Hormone und Neurotransmitter ausgeschüttet, Adrenalin und Cortisol sind zwei Beispiele. Indem kurzfristig Energie freigesetzt wird, helfen uns diese chemischen Botenstoffe, stressvolle Situationen angemessen zu bewältigen. Puls und Atemfrequenz steigen und versorgen das Gehirn mit zusätzlichem Sauerstoff, unser Immunsystem wird teilweise sogar kurzfristig gestärkt. Diese Reaktionen des Körpers sind für gelegentliche Stresssituationen sehr hilfreich und reichen weit in die Urzeit zurück („Fight-or-Flight“-Reaktion nach Walter Cannon, 1915). Eine  Dauerbelastung durch Stresshormone kann allerdings zu gesundheitlichen Schäden und Immunsuppression führen. Und gerade in Zeiten wie diesen brauchen wir ein starkes und widerstandsfähiges Immunsystem und sollten unsere Resilienz deshalb bewusst stärken.

Die psychische und körperliche Gesundheit stärken

Gerade jetzt müssen wir also auf unsere physische und psychische Gesundheit achten. Dabei helfen etwa Achtsamkeitsübungen, mit denen wir regelmäßig prüfen, in welchem Zustand sich unser Geist gerade befindet. Auch Meditation kann helfen, Einfluss auf unser vegetatives Nervensystem zu nehmen und eine bewusste Verbindung zu unserem Körper, unserer Atmung sowie unseren Gefühlen herzustellen. Eine gesunde und ausgewogene Ernährung stärkt unser Immunsystem weiter, genauso wie ausreichend Schlaf, Sport und frische Luft – sei es durch ein offenes Fenster, über den Balkon oder einen einsamen Waldspaziergang. Und wir können bewusst steuern, wann und wie oft wir welche Nachrichten lesen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt zum Beispiel, hierfür dedizierte Zeiträume einzuplanen und schlechte Nachrichten wortwörtlich nicht mit ins Bett zu nehmen.

Die Morgenroutine aufrechterhalten

Das Arbeiten von zuhause aus bedeutet für viele Menschen eine Umstellung. Denn auch, wenn mobiles Arbeiten in vielen Unternehmen bereits gelebt wird, ist es dennoch ein Unterschied, ob wir über einen Tag oder über mehrere Wochen sprechen. Wir müssen deshalb neue Routinen und Strukturen für den Berufsalltag entwickeln. Viele empfinden es als hilfreich, ihre Morgenroutine wie gewohnt aufrechtzuerhalten oder diese sogar zu erweitern – statt sich einfach zu seinem Laptop rüberzurollen oder in die Jogger zu schlüpfen.

Pausen einräumen und mit Kollegen auch mal über etwas anderes als die Arbeit sprechen

Video- und Telefonkonferenzen sind dichter, kürzer und anstrengender als persönliche Treffen. Es gibt weniger Smalltalk und man kommt schneller zum Punkt. Daher ist es gerade jetzt wichtig, großzügige Pausen einzuplanen und immer wieder auch das informelle Gespräch mit Kollegen zu suchen („virtual coffee breaks“). Dafür können auch regelmäßige Termine für alle eingeplant werden, zu denen man sich virtuell zusammenfindet.

Bewusst Abwechslung suchen

Die Tage fließen schnell konturlos ineinander über, wenn wir nicht für eine bewusste Abwechslung nach der Arbeit sorgen. Wir landen allzu schnell in einem Rhythmus, der ausschließlich aus Schlafen, Essen, Arbeiten und Netflix besteht. Und der tut auf Dauer nicht gut. Als Erstes sollte man sich deshalb eine Liste mit Aktivitäten erstellen, die man auch gut von zuhause machen kann, wie zum Beispiel:

  • ein Fotoalbum kleben,
  • Gesellschaftsspiele spielen,
  • Bücher lesen,
  • ein Instrument spielen,
  • Platten neu sortieren,
  • oder, was man sich sonst so oft vornimmt und nie dazu kommt.

Auch das Treffen mit Freunden auf ein gemeinsames Bier oder zum Kochabend ist nach wie vor möglich – man muss lediglich ein bisschen kreativ werden und auf den Video Call über Whatsapp zurückgreifen, auf Zoom oder Hangouts. Auch die Auswahl der Musik, die wir täglich hören, nimmt Einfluss auf unsere Stimmung. Eine Playlist mit unseren Lieblingsliedern, bei denen man einfach nicht stillsitzen kann, führt zur Ausschüttung von Serotonin (auch bekannt als Glückshormon). Und verbrennt im besten Falle sogar ein paar Kalorien.

Wie Führungskräfte ihr Team unterstützen

Viele Diskussionen in den sozialen Medien drehen sich aktuell um das Misstrauen vieler Unternehmen gegenüber ihren Mitarbeitern und die Angst vor einer sinkenden Produktivität. Führung kommt daher in diesem Kontext eine besondere Rolle zu. Natürlich besteht die Sorge, dass sich Mitarbeiter zuhause „einen Bunten machen“, jedoch zeigen die Erfahrungen der letzten Wochen eher das Gegenteil. Viele wollen arbeiten und ihren Beitrag leisten, um ihr Unternehmen auch in Zukunft erfolgreich zu machen. Sie vermissen ihre Kollegen und wollen ihre Ziele auch nach wie vor erreichen – vielleicht mehr als je zuvor. Was also können Führungskräfte in diesen verrückten Zeiten tun, um ihr Team zu motivieren und sogenanntes „positive organisational behavior“ (Luthans & Youssef, 2020) zu fördern?


Sich die emotionale Ansteckungsgefahr zunutze machen

Das gruppendynamische Phänomen der emotionalen Ansteckungsgefahr („Emotional Contagion“) können sich Führungskräfte zunutze machen. Denn wer Hoffnung und Optimismus ausstrahlt, wirkt auch ansteckend. Für das Führen von virtuellen Teams heißt das, Zuversicht zu vermitteln, dass man Ziele nach wie vor erreichen kann – auch wenn man jetzt womöglich kreativer als sonst sein muss. Optimismus zeigt sich beispielsweise aber auch darin, die aktuelle Situation als Chance zu begreifen: es lohnt sich zu antizipieren, welche neuen Kenntnisse und Fähigkeiten wir in dieser Zeit entwickeln und inwiefern die Veränderungen in der Denkweise, im Verhalten und in den Prozessen die Zukunft verbessern. Auch die Sprache, die Führungskräfte wählen, hat einen immensen Einfluss auf die Stimmung im Team. Daher ist es ratsam, eine positive Kommunikation zu forcieren und ein kognitives Reframing bei Teammitgliedern und Kollegen anzuregen: Anstatt beispielsweise davon zu sprechen „zuhause eingesperrt zu sein“, können wir davon reden, es uns zuhause gemütlich (hygge) zu machen und das als mentales Retreat zu nutzen. Gleichzeitig ist es wichtig, Raum dafür zu schaffen, sich im Team auch zu Ängsten und Sorgen austauschen zu dürfen.

Positives Feedback geben und Erfolge weiter feiern

Wichtig ist jetzt auch, die Selbstwirksamkeitserwartung und Resilienz der Mitarbeiter zu stärken. Denn wo lediglich digital kommuniziert wird, ist der oder die Einzelne schnell auf sich selbst zurückgeworfen. Führungskräfte sollten Teammitgliedern deshalb dabei helfen, darüber nachzudenken, was ihr Selbstvertrauen erhöht (fragen Sie zum Beispiel: „was ist nötig, um Ihr Vertrauen in ein positives Ergebnis zu verbessern?“). So bringt jeder Tag einen kleinen Fortschritt in Richtung Ziel mit sich. Positives Feedback spielt jetzt eine noch wichtigere Rolle als sonst. Wo Erfolge erzielt werden, sollen sie weiterhin gemeinsam gefeiert werden, das funktioniert auch virtuell. Jede Führungskraft sollte außerdem das Team zu den oben beschriebenen Maßnahmen der Selbstfürsorge anregen und damit die individuelle Resilienz stärken. Es ist auch möglich, diese Maßnahmen gemeinsam durchführen, etwa über Online-Meditation oder Dankbarkeitsübungen im Team-Chat. Und zuguterletzt: Trotz der schweren Zeiten und gerade deshalb darf der Humor nicht zu kurz kommen: Remote-Team-Lunches mit lustigen Outfits oder Kopfbedeckungen sowie viele Smileys oder GIFs in der schriftlichen Kommunikation können die Stimmung heben. Und sie stärken das Zusammenhaltsgefühl im Team.