Der Chef von Morgen ist ein Liebender

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Foto: Quadriga Media/Jana Legler
Gerald Hüther hält seine Keynote (c) Quadriga Media/Jana Legler

Der Hirnforscher Gerald Hüther prognostiziert zwei Schlüsselbegriffe, die im 21. Jahrhundert alles beherrschen werden: Selbstorganisation und Potenzialentfaltung. Doch wie sollen sich Potenziale entfalten angesichts einer Gesellschaft, in der Menschen durch Schule, Universität und Zielvorgaben zu Objekten gemacht werden? Sein Vortrag auf dem Personalmanagementkongress 2018 stimmt nachdenklich.

Kürzlich war Gerald Hüther auf der Männerkonferenz „MeToo und wir Männer – Erkenntnisse und Chance“ der Star. Der Moderator Hajo Schumacher kündigt den Neurobiologen und Keynotespeaker des zweiten Kongresstags mit einer kleinen Anekdote an: Gerald Hüther habe den Pädagogen auf dem Kongress erklärt, wie sie ihren Schülern ein positives, und nicht defizitorientiertes, Männerbild vermitteln können.

Hüther, einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands, kommt mit leisen Schritten auf die Bühne, weicher Gang, sanfte Stimme. „Jetzt verrate ich Ihnen, worauf es ankommt, liebe Männer“, sagt er und steht Arm und Arm mit Hajo Schumacher am Rand der Bühne. „Der Mann von Morgen müsste ein Liebender sein.“ Beide umarmen sich, das Publikum applaudiert, ein leises „Jaaa“ raunt durch den Saal.

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„Wir stecken im Augenblick in einem dramatischen Transformationsprozess“, setzt Hüther zu seiner Keynote an. Die Neurobiologie habe diesen Prozess bereits hinter sich. „Was hatten wir damals für eine bescheuerte Vorstellung vom Hirn“, sagt er. Im deterministischen Weltbild der Achtzigerjahre saß der Glaube an genetische Programme, die unser Gehirn strukturieren, tief. Es ist jedoch alles ganz anders.

Heute weiß man: Die genetischen Programme strukturieren unser Hirn nicht, sie geben uns einen Überschuss an Nervenzellen mit. „Viel mehr als man an Hirn hier in Deutschland braucht“, sagt er trocken. Lacher im Saal. Es werden laut Hüther unzählige Vernetzungsangebote bereitgestellt. Sie sind unser Potenzial. Manches davon aktivieren wir, dann entstehen Verknüpfungen. Der Rest verkümmert. Das Gehirn strukturiert sich also selbst durch Erfahrungen mit dem Körper und durch die Interaktion mit anderen Menschen.

Ohne Vorbilder wären wir nichts

Wir sind soziale Wesen und dennoch unterliegen wir der irrigen Annahme, wir seien Einzelkämpfer. „Sie können ja mal im Kopf substrahieren, was sie von anderen bekommen haben. Da bleibt nichts mehr von Ihnen übrig.“ Und trotzdem hielten wir uns für die Größten. Er wendet sich direkt ans Publikum: „Wenn sie keine Vorbilder gehabt hätten, die auf zwei Beinen laufen, hätten sie es nie gelernt.“

Es sind günstige und ungünstige Erfahrungen, die wir machen. Dabei werden im Hirn das emotionale und das kognitive Netzwerk aktiviert. Geschieht das gleichzeitig, verknüpfen sich diese miteinander. Daraus wird eine Meta-Erfahrung, die sich in unserer inneren Haltung manifestiert. Sie bestimmt darüber, welche Entscheidungen wir treffen.

„Diese Haltung kann man nicht verändern, nicht durch Belohnung, nicht durch Bestrafung“, sagt Hüther. „Sie können eine Erfahrung nur überschreiben, wenn sie den Mitarbeiter dazu einladen, eine neue Erfahrung zu machen. Sie müssen ihn dazu bringen, dass er darauf Lust hat.“ Wie soll das gehen? Seine Antwort ist naheliegend, und dennoch für viele unerreichbar im täglichen Tun. „Um jemanden zu ermutigen, muss ich selbst daran glauben, dass es geht. Um jemanden zu inspirieren, muss ich selbst inspiriert sein.“ Es wird laut Hüther im 21. Jahrhundert zwei grundlegende Schlüsselbegriffe geben: Selbstorganisation und Potenzialentfaltung.

Ressourcen sind kein Potenzial

Was Personaler bisher bearbeitet hätten – das impliziere der Name ihrer Profession – seien lediglich Ressourcen. Aber das ist etwas anderes als Potenzial: „Eine Ressource habe ich dann, wenn ich aus dem Potenzial eine bestimmte Fähigkeit entwickelt habe. Das Potenzial hingegen ist eine Möglichkeit, die sich entfalten könnte.“

Die primäre Intention eines Menschen ist es, dass er sich als Subjekt in dieser Welt erlebt, das zwei Bedürfnisse hat: das nach Verbundenheit und das nach Autonomie. Wenn man bereits eines davon verletzt, ist das die extremste Störung des inneren Systems, die es gibt. Das Hirn benutzt, um eine Beziehungsstörung  zu signalisieren, dieselben Netzwerke, die es für Schmerz braucht. Wenn man einen anderen Menschen also in seiner Subjekthaftigkeit nicht ernst nimmt, sondern zum Objekt von Zielvorgaben und Maßnahmen macht, werden beide Grundbedürfnisse gleichzeitig verletzt.

„Diese schwere Verletzung haben Sie alle durch“. Hüther schaut ins Publikum: „Sie haben sie alle erlebt im Alter von drei Jahren.“ Nämlich dann, wenn Kinder zu Objekten von Erziehung, Unterricht und Maßnahmen gemacht würden. In diesem Moment stoppt die Entwicklung, sagt Hüther. „Was dann passiert ist eine fokussierte Suche nach Lösungen.“

Kinder reagieren darauf unterschiedlich. Eine „Lösung“ heißt, die anderen ebenfalls zum Objekt zu machen. Das seien die Kinder, die sagen: „blöde Mama“, „blöde Lehrer“, und die beim Heranwachsen andere zunehmend für ihre Zwecke einspannen. „Diejenigen, die das am besten gelernt haben, sind unsere Führungskräfte in Wirtschaft und Politik.“ Zurückhaltung im Saal. „Andere für sich einzuspannen, sie zu manipulieren, hätten sie ja nicht nötig gehabt, wenn ihnen mal jemand gesagt hätte, dass sie per se bedeutsam sind, dass sie dazugehören.“ Und dann gibt es diejenigen, die sich selbst zum Objekt machen. Sie fühlen sich laut Hüther nicht schön, nicht liebenswert genug, leiden meist unter psychosomatischen Problemen.

Hierarchie hat ausgedient

„Warum machen wir so einen Mist?“, fragt Hüther. Im Saal wird es still. „Wir Menschen sind so verschieden und suchen nach etwas, das uns hilft, als Einheit zu funktionieren.“ Vor 10.000 Jahren, als Menschen sesshaft geworden sind und zahlreicher, als sie begannen, Eigentum anzuhäufen, habe sich eine strukturierende Organisationsform herausgebildet: die Hierarchie. Der Nebeneffekt ist, dass sich die Unteren anstrengen, um belohnt zu werden. Aufsteigen können sie, wenn sie etwas geleistet haben, das die Gesellschaft brauchen kann, wie Erfindungen. Und nun sind wir, laut Hüther, angekommen in einer hyperkomplexen Welt: Wir sind digitalisiert, globalisiert und völlig vernetzt. Für diese Welt ist die hierarchische Ordnung nicht mehr geeignet.

Um diese Welt zu strukturieren, muss die Hierarchie abgeschafft werden und es müsste etwas geben, wofür es sich lohnt zu leben. „Einen inneren Kompass“, nennt Hüther das. Einen Anlass. Dann bräuchte man keine äußeren Ordnungsstrukturen mehr. Doch wie sehen solche inneren Strukturen aus? „Damit muss ich Sie alleine lassen. Das können nur Sie selbst sich beantworten“, sagt er.

Er gibt dann aber doch eine persönliche Antwort auf diese Frage: „Ich versuche jemand zu sein, der seine Würde bewahrt, dann macht man andere nicht mehr zum Objekt. Wenn sich Menschen als Subjekte empfinden – und jetzt halten Sie sich fest –, ist eine Potenzialentwicklung unvermeidbar.“ Der Chef von Morgen werde nicht mehr von oben nach unten gucken, sagt Hüther nach seiner Keynote der BPM-Verbandschefin Elke Eller: „Er wird aus der Perspektive der Mitarbeiter schauen, was diese brauchen. Dann wird er ein Ermöglicher sein. Und ein Ermöglicher ist ein Liebender.“

Gerald Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Er ist Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung, Autor und Redner. Er organisiert außerdem Kongresse, arbeitet als Berater für Politiker und Unternehmer und ist häufiger Gesprächsgast in Rundfunk und Fernsehen.

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