Die Karriere kann warten, die Klimakrise nicht!

Die Bewegung Fridays for Future stellt neue Forderungen an Arbeitgeber.
© Quadriga / Jana Legler

Ihre Generation steht für eine Zäsur – da sind sich die Vertreter der Bewegung Fridays for Future sicher. Deren Aufruf zu mehr Klimaschutz richtet sich nicht nur an die Politik. Die Schüler und Studenten stellen auch an Unternehmen teils drastische Forderungen. Ein Gespräch mit Nele Brebeck, Pressesprecherin und Social-Media-Managerin der Hamburger Ortsgruppe.

Frau Brebeck, Sie sind 20 Jahre alt und haben im vergangenen Jahr Ihr Abitur gemacht. Normalerweise folgt darauf das Kapitel beruflicher Ausbildung. Bei Ihnen auch?
Im Moment bin ich tatsächlich in Vollzeit mit der Pressearbeit beschäftigt. In diesem Wintersemester beginne ich an der Hamburger Uni mein Studium in Politikwissenschaft. Danach möchte ich in die Politik gehen – eine klassische Unternehmenskarriere kommt für mich weniger infrage.

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Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg sitzt an einem Tisch mit Spitzenpolitikern, überall in Wirtschaft und Gesellschaft wird über Nachhaltigkeit diskutiert – die Bewegung Fridays for Future hat mit ihren Demonstrationen jede Menge Staub aufgewirbelt. Zu welchem Zeitpunkt hatten Sie den Eindruck, damit wirklich etwas erreichen zu können?
Das war kurz vor der Europawahl, plötzlich war in vielen Umfragen das Thema Klimaschutz am allerwichtigsten. Ob in der S-Bahn oder auf dem Schulhof, überall fingen Menschen an, sich darüber zu unterhalten. Diese Erfahrung war sehr bewegend für uns. Dass beim globalen Streik am 20. September 1,4 Millionen Menschen auf die Straße gegangen sind, zeigt, dass wir kein Randphänomen sind – in der breiten Gesellschaft findet ein Umdenken statt.

Forscher warnen seit den Achtzigerjahren vor menschengemachten Veränderungen unseres Klimasystems. Warum hat das Thema ausgerechnet jetzt an Fahrt aufgenommen?
Viele Menschen konnten den Gedanken an die verheerenden Folgen bis vor rund zwei Jahren entfliehen. Seitdem erleben auch sie erste spürbare Folgen der Klimakrise, wie die Trockenheit im Sommer 2018. Dadurch entwickelt sich das Bewusstsein, dass die bedrohlichen Prognosen der Wissenschaftler zutreffen. Schauspieler und Umweltaktivist Leonardo DiCaprio hat das mal schön beschrieben: „Wir behandeln den Klimawandel so, als sei er Fiktion“ – das geht nun nicht mehr. Die Auseinandersetzung mit diesen Szenarien tut weh und ist unbequem, weil sie uns dazu zwingt, unser Verhalten zu ändern.

Nun ging die Initiative aber nicht von denjenigen aus, die global an den Schalthebeln sitzen, sondern von Schülern. Wie erklären Sie sich das?
Die Älteren haben sich mit der Situation arrangiert, einfach so weitergemacht wie gewohnt und sich darauf ausgeruht, dass sie nicht agieren müssen, solange die Jungen nicht rebellieren. Wir wollen unsere Zukunft sichern und weisen deshalb nun eindringlich auf die Verantwortung aller hin. Wir haben kein Vertrauen, dass die heutigen Gestalter ihrer Verantwortung gerecht werden – deshalb gehen wir auf die Straße.

Franziska Wessel, Pressesprecherin bei Fridays for Future
Franziska Wessel © Jana Legler

Franziska Wessel (15), Pressesprecherin für Fridays for Future:
„Dass das Unternehmen oder die Institution, für die ich später arbeite, so klimaneutral wie möglich agiert, gehört für mich zu den wichtigsten Kriterien bei der Arbeitgeberwahl. Wir nehmen wahr, dass ein Umdenken stattfindet – Politik und Wirtschaft haben keine andere Möglichkeit, als endlich aufzuwachen.“

Bis vor kurzem war es aber insbesondere für junge Menschen gang und gäbe, nach dem Abitur die Welt zu bereisen und sich dann einem Studium zu widmen, das bestenfalls Chancen auf einen lukrativen Job verspricht. Ökobewusstsein schien bei alledem erst einmal nachrangig. Haben sich die Perspektiven verschoben?
Im Augenblick ändert sich der Fokus sehr vieler meiner Altersgenossen. Auch noch in meinem Abschlussjahrgang haben viele erst einmal eine Reise zum anderen Ende der Welt gemacht. Das Bestreben, Langstreckenflüge zu vermeiden, ist jetzt erst entstanden. Ich bekomme immer häufiger mit, dass Schüler mit ihren Eltern diskutieren, nach dem Motto: Es muss doch nicht unbedingt nach Thailand in den Urlaub gehen, lasst uns lieber an die Ostsee fahren – und hoffnungslos daran verzweifeln, dass sich die Erwachsenen den erarbeiteten Luxus nicht nehmen lassen wollen. Der Trend ist ziemlich neu und spiegelt sich in den diesjährigen Zahlen der Tourismusbranche noch nicht wider. Daher müssen wir Jungen uns oft die Kritik anhören, wenn es ums Reisen ginge, wollten wir nicht auf unser Vergnügen verzichten, und wir lebten somit eine Doppel­moral. Ich bin davon überzeugt, dass sich unser verändertes Bewusstsein aber bereits im kommenden Jahr in den Statistiken zu Flugbuchungen zeigen wird.

Beeinflusst der Anspruch an ökologisches Handeln auch die Wahl einer passenden Ausbildung und die Karriere­pläne der Aktivisten?
Absolut. Viele nehmen gerade zuerst einmal komplett Abstand von ihren individuellen Karriereplanungen. Wir folgen der Prämisse: Der Bachelor kann warten, die Klimakrise aber nicht. Erst einmal alles zur Rettung des Planeten beizutragen, hat für viele Priorität. Die Zeit rennt. Ich habe von vielen gehört: „Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich mit meiner Zukunft anfangen will, ein viel dringlicheres Anliegen ist, eine Zukunft zu schaffen, die nicht von anderen elementaren Sorgen überlagert ist.“

Es könnte eine Konsequenz sein, zu sagen: Ich mache gezielt eine Ausbildung, die mich dazu befähigt, in einflussreiche Positionen zu kommen und selbst zu gestalten – sich zum Beispiel auf Zukunftstechnologien zu fokussieren. Wer Teil der Wirtschaftswelt wird, kann Denkweisen einbringen und Gegebenheiten umkrempeln.
Ja, aber uns fehlt die Zeit dafür! Wenn wir so weitermachen wie bisher, ist Studien zufolge in acht Jahren unser globales CO2-Budget komplett aufgebraucht, um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken. Genau das wäre der Zeitraum, den die meisten Menschen brauchen, um eine solche Ausbildung zu machen. Bis man sich im Unternehmen entsprechend hochgearbeitet hat und sich wirklich einbringen kann, dauert es meist noch deutlich länger.

Tom Patzelt, Pressesprecher bei Fridays for Future
Tom Patzelt © Quadriga / Jana Legler

Tom Patzelt (20), Student und Pressesprecher für Fridays for Future in Berlin:
„Karrierepläne? Im Moment bin ich primär Aktivist – auch in den nächsten zwei Jahren wird das mein Fokus sein. Wir brauchen jetzt die Veränderung, auch im Verkehrssektor. Der von mir gewählte Studiengang Technischer Umweltschutz beschäftigt sich unter anderem mit Luftreinhaltung; den Autokonzernen würde ich gerne auf den Zahn fühlen. Solche Skandale wie bei VW lassen sich vermeiden. Dass mein späterer Arbeitgeber nachhaltig handelt, ist mir extrem wichtig. Ich hoffe, dass sich in den nächsten Jahren viel bewegt und die Auswahl solcher Arbeitgeber größer wird – momentan wüsste ich tatsächlich nicht, wohin ich gehen wollen würde. Aber wir befinden uns mitten im Umbruch, in den nächsten Jahren sollte ökologische Verantwortung selbstverständlich werden. Sicher ist: Unser Protest wächst und damit setzen wir die Wirtschaftswelt unter Druck, endlich aufzuwachen.“

Gibt es für Sie einen grundlegenden Widerspruch in wirtschaftlichem und ökologischem Verhalten?
Ja und nein. Wir müssen ändern, wie Ökonomie bisher gelebt wird. Eine langfristig funktionierende Wirtschaft kann es nur unter der Bedingung funktionierender Lebensumstände geben, dafür muss unsere natürliche Grundlage intakt sein. Im Moment wird das noch von zu wenigen anerkannt. Unternehmen müssen sich nachhaltig verhalten und die planetaren Grenzen erkennen. Das ist eine Zäsur, für die meine Generation steht.

Viele Unternehmen kommunizieren, dass sie grüner werden, nachhaltiger wirtschaften möchten. Empfinden Sie das als glaubhaft?
Nicht bei allen ist zu erkennen, dass sie es wirklich ernst meinen. Aber zuallererst ist es ein Erfolg, dass Unternehmen überhaupt infrage stellen, wie sie bisher gewirtschaftet haben. Was mir in den meisten Fällen fehlt, ist die konkrete Einbeziehung der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse und die daraus resultierende Dringlichkeit. „Wir werden 2050 klimaneutral“ klingt vielleicht nach einer guten PR-Botschaft – aber es reicht schlichtweg nicht.

Was sind stattdessen Ihre Erwartungen?
Wir erwarten, dass Unternehmen sich Expertise darüber aneignen – oder von Externen heranziehen –, was notwendig und machbar ist. Und dass sie Konsequenzen realistisch darstellen und verinnerlichen sowie Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Es ist eine kluge und auch wirtschaftlich nachhaltige Entscheidung zu sagen: Wir treten heute ein Stück zurück, damit unser Unternehmen auch in einigen Jahren noch eine Zukunft hat. Ein stabiles Ökosystem ist die wichtigste Grundlage für funktionierende Geschäftsmodelle.

Wenn es in der breiten Gesellschaft einen Umbruch im Denken und Handeln gibt, sind Unternehmen auf das Wohlwollen potenzieller Kunden und Mitarbeiter angewiesen. Sehen Sie das bei bestehender Lage schwinden?
Das ist eine wahrscheinliche Entwicklung. In meiner Generation werden sich viele schlichtweg weigern, für Unternehmen zu arbeiten, die den Planeten ausbeuten.

Viele Unternehmen setzen gerade kleinere Maßnahmen um, führen Ökostrom und Mülltrennung ein, versuchen Papierverbrauch und Geschäftsreisen zu reduzieren oder stellen ihren Mitarbeitern Dienstfahrräder zur Verfügung. Ein gutes und wirksames Zeichen?
Jeder kleine Schritt ist grundsätzlich positiv zu bewerten. Leider sind wir in der Klimakrise an einem Punkt angelangt, an dem diese kleinen Maßnahmen nicht mehr ausreichen. Es braucht zeitnah konkrete Zielsetzungen wie das Erreichen von Klimaneutralität bis spätestens 2035. Bosch hat sich zum Ziel gesetzt, ab 2020 alle 400 Standorte klimaneutral zu betreiben, bis 2030 will das Unternehmen vollständige Klimaneutralität erreichen. Neben der Einsparung im eigenen Unternehmen ist es jedoch auch notwendig, in die Entwicklung von Produkten zu investieren, die klimaneutral genutzt und entsorgt beziehungsweise wiederverwertet werden können. Die deutsche Umwelthilfe kritisierte das Versprechen von Bosch, weil das Unternehmen nach wie vor Produkte herstellt, bei deren Entsorgung sehr große Mengen CO2 aber auch andere Treibhausgase wie FCKW freigesetzt werden.

Zoë Kappel, Aktivistin bei Fridays for Future
Zoë Kappel © Jana Legler

Zoë Kappel (19), Aktivistin für Fridays for Future in Berlin, macht zurzeit ein Freiwilliges Ökologisches Jahr:
„Es ist super, wenn immer mehr Unternehmen auf den Zug aufspringen! Ich freue mich über jeden Einzelnen und jede Organisation, die sich für Klimawandel einsetzen. Wir haben das Thema auf alle Ebenen des Lebens gebracht, auch in die Wirtschaft. Dennoch können wir dieses System nicht von außen verändern. Primär adressieren wir die Politik und fordern mehr Regulierung – auch gegenüber der Unternehmenswelt. Wohin ich selbst beruflich möchte, weiß ich noch nicht. Den industriellen Sektor kann ich mir weniger gut vorstellen.“

Wie würden Sie die Verantwortung für nachhaltiges Handeln zwischen Unternehmen, Politik und Verbrauchern aufteilen?
Sie teilt sich gleichermaßen auf alle auf. Wir alle wählen Politiker, wir alle sind Konsumenten, somit beeinflusst jeder Einzelne mit seinem Handeln, wie sich Politik und Wirtschaft verändern. Unternehmen und Verbraucher beeinflussen ihr Agieren wechselseitig, die Politik gestaltet diesen Prozess durch Gesetze und Regelungen mit. Selbst wenn man als Einzelner den Ehrgeiz hat, komplett klimaneutral zu leben, ist das in Deutschland überhaupt nicht möglich. Unserem persönlichen CO2-Ausstoß wird eine Tonne Kohlenstoffdioxid angerechnet, die sich auf die öffentliche Infrastruktur zurückführen lässt. Es ist Aufgabe der Regierung, sowohl Anreize für ein klimaneutrales Leben zu schaffen als auch die öffentliche Infrastruktur klimaneutral zu gestalten.

Die Tchibo-Verantwortungsbeauftragte Nanda Bergstein forderte jüngst, die Politik solle stärkere Vorgaben machen, damit Unternehmen, die in Fairness und Nachhaltigkeit investieren, gegenüber der Konkurrenz nicht im Nachteil sind. Stimmen Sie zu?
Das wäre überfällig, ja. Die „Entrepreneurs for Future“ haben einen ähnlichen Ansatz. Ich denke schon, dass es für Unternehmen einen politischen Anreiz braucht. Die Regulierung des CO2-Preises war ja auch als lenkungswirkende Maßnahme gedacht. Die Politik hat gegenüber den Unternehmen eine Verantwortung und muss Maßstäbe setzen, um gesellschaftliches Zusammenleben zu regeln. Das passiert im Moment noch viel zu wenig. Dennoch sollten Unternehmen nicht auf Anreize durch die Politik warten, sondern eigenständig und proaktiv Klimaschutzmaßnahmen ergreifen.

Ein Blick in die Kristallkugel: Wo steht die Debatte in zehn Jahren?
Unsere Zukunftsvision ist eine Welt ohne Klimakrise – ob wir das hinbekommen ist fraglich, das Handeln von Politik und Wirtschaft macht nicht allzu viel Mut. Wir sind inmitten eines Umdenkprozesses, für den eigentlich keine Zeit mehr ist.

Und wird es die Bewegung Fridays for Future weiterhin geben?
Ich bin davon überzeugt, dass man von uns noch einige Jahre etwas hören wird. Hoffentlich bleibt Fridays for Future nicht dauerhaft eine Schülerbewegung, sondern erweitert sich um Engagierte aller Generationen und Hintergründe. Das Gute ist: Jeder, der auf die Straße geht, ist gezwungen, sein eigenes Verhalten zu überprüfen. Die Klimakrise ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt.

Auf der Demonstration in Berlin am 20. September haben mir viele Aktivisten berichtet, sie würden technische und naturwissenschaftliche Ausbildungen absolvieren, um langfristig etwas zu bewegen. Erleben Sie ein zunehmendes Interesse dafür in Ihrem Umfeld?
Ja, viele von denen, die sich in der Freizeit mit dem Thema auseinandersetzen, haben ein tiefergehendes Interesse daran entwickelt. Es muss in Zukunft mehr Menschen geben, die die Bedrohungssituation kompetent einschätzen können, und es braucht eine adäquate Ausbildung, um Lösungen entwickeln und uns durch die Krise manövrieren zu können. Es geht uns nicht darum, einen lukrativen Job zu machen. Es geht darum, etwas zu bewegen. Es geht um Sinn.

Nele Brebeck, Pressesprecherin Fridays for Future Ortsgruppe Hamburg
Nele Brebeck © privat

Nele Brebeck ist 20 Jahre alt, Studentin und Pressesprecherin der Bewegung Fridays for Future in Hamburg.

hrm