Mehr als nur IT-Nerds

Autisten rücken in den Fokus der Unternehmen, nicht zuletzt durch die Ankündigung von SAP, sie vermehrt als Softwaretester und Programmierer einzusetzen. Sie können aber nicht nur wertvolle Mitarbeiter sein, sondern auch dazu beitragen, das Betriebsklima zu verbessern.  

Als SAP im Mai ankündigte, dass man in den kommenden Jahren mehr als 650 Autisten ins Unternehmen holen wolle, war das Echo in der Öffentlichkeit enorm. SAP scheint einen Nerv getroffen zu haben, das Thema interessiert. Und das Unternehmen ist nicht alleine, auch andere Firmen greifen auf die Stärken und besonderen Talente von Menschen mit Autismus zurück. So auch bei Vodafone: Dort arbeiten seit Anfang des Jahres mehrere Autisten im Bereich Qualitätssicherung und Programmierung.

Bei SAP geht die Idee, bei bestimmten Aufgaben im IT-Bereich auf Autisten zu setzen, auf Mitarbeiter in Indien zurück, wie Anka Wittenberg, Chief Diversity and Inclusion Officer beim Software-Unternehmen, berichtet: „Sie haben sich dort im Rahmen einer freiwilligen Initiative um Kinder mit Autismus gekümmert. Ziel war es, diese Kinder mittels Technologie in deren Ausbildung zu unterstützen.“ Nachdem sich diese Initiative zu einem großen Erfolg entwickelte, rief SAP in Indien ein Pilotprojekt ins Leben, bei dem aktuell sechs Menschen mit Autismus als Softwaretester arbeiten. Nach Irland soll das Projekt nun in diesem Jahr auch in den USA, Kanada und Deutschland eingeführt werden. Unterstützt werden die Walldorfer dabei vom dänischen Unternehmen Specialisterne, das Menschen mit Autismus in passende Jobs vermittelt und ihnen, aber auch den Unternehmen und deren Mitarbeitern, in diesem Prozess mit Rat und Tat zur Seite steht.

Autismus ist eine Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns und zeigt je nach Art und Schwere sehr unterschiedliche Ausprägungen. Man geht davon aus, dass bei der Hälfte aller Menschen, die dem Autismus-Spektrum zugeordnet werden, eine Intelligenzminderung vorliegt, manche haben gar nicht richtig sprechen gelernt. Anderen wiederum merkt man ihre Behinderung – oder auch Besonderheit, wie viele sagen – kaum an.

Soziale Interaktion als Problem

Diejenigen Autisten, die trotz der Diagnose in der Lage wären, einer regulären Arbeit nachzugehen, sind meist durchschnittlich intelligent, manche sogar hochbegabt. Sie können sich gut konzentrieren und besitzen ein starkes logisches und analytisches Denkvermögen. Allerdings brauchen sie, um diese Stärken ausspielen zu können, zumeist eine reizarme Umgebung und eine klare Arbeitsstruktur. Womit sie aber vor allem Probleme haben – und das ist allen Menschen mit Autismus mehr oder weniger gemein – ist die soziale Interaktion und Kommunikation mit ihren Mitmenschen. „Für uns ist die Kaffeepause, bei der man sich unterhält und ein wenig tratscht, entspannend. Autisten empfinden sowas hingegen als stressreich“, bringt es Kai Vogeley, Psychiatrie-Professor an der Universität Köln, auf den Punkt.

Aufgrund dieser Besonderheiten scheitern viele Autisten im Berufsleben. Matthias Prössl, Geschäftsführer von Specialisterne in Deutschland, meint: „Viele Menschen mit Autismus sind nicht leistungsgerecht untergebracht, wenn sie denn überhaupt Arbeit haben.“ Bisher sind nur ungefähr fünf Prozent der Autisten insgesamt und rund 20 Prozent der Menschen mit Asperger-Syndrom, einer leichteren Form des Autismus, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt. Und das, obwohl Fachleute annehmen, das eine Vielzahl mehr mit entsprechender Unterstützung dazu in der Lage wäre.

Diese Unterstützung muss breit angelegt sein. Vogeley, der sich intensiv mit dem Thema Autismus und Berufstätigkeit befasst, sieht drei Säulen, auf denen ein gelungenes Arbeitsverhältnis beruht: Eine Einstellungsdiagnostik, die sich damit befasst, was die Leute mitbringen müssen, damit sie im Job erfolgreich sein können, die Integration der Autisten in das Unternehmen und deren fortwährende Betreuung sowie die Schulung der Mitarbeiter.

Letzteres sieht er als besonders bedeutend an, denn seiner Meinung nach ist das Hauptproblem dabei, dass Autisten keine Arbeitsplätze entsprechend ihrer Fähigkeiten bekommen, die fehlende Akzeptanz und das mangelnde Verständnis dafür, was bei ihnen anders ist und was ihnen schwer fällt. Bei SAP sollen „Coaches für Mitarbeiter mit Autismus und Teams zur Verfügung“ stehen, wie Anka Wittenberg berichtet. Außerdem können sich Mitarbeiter zu Mentoren ausbilden lassen.

Präferenz für Vorhersagbares

Bei Vodafone wie bei SAP sollen Autisten vor allem als Softwaretester, Programmierer und Spezialisten für Datenqualitätssicherung zum Einsatz kommen. Diese Aufgaben, meint Friedrich Nolte, Fachreferent beim Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus, setzten an deren spezifischen Stärken an. Dennoch sind Autisten nicht zwangsläufig IT-Nerds. Für Nolte liegt der Grund dafür, dass man sie so häufig in diesem Bereich findet, auch an den Rahmenbedingungen solcher Aufgaben: „Ein ruhiges Umfeld mit wenig Publikumsverkehr, die Orientierung auf eine Sache, die Konzentration auf Details, das alles sind Aspekte, die den meisten Menschen mit Autismus entgegenkommen.“

Auch für Kai Vogeley ist der fachliche Bereich erst mal nicht so wichtig: „Grundsätzlich ist kein Beruf ausgeschlossen“, meint er. Dennoch sieht er eine „Präferenz für Vorhersagbares, also für den technisch-naturwissenschaftlichen Bereich“, die die Berufsauswahl beeinflusst und ein Stück weit einschränkt. Doch er kennt ebenso Autisten, die als Ärzte oder Sozialpädagogen arbeiten. Friedrich Nolte plädiert daher für eine größere Offenheit für Menschen mit Autismus in anderen Unternehmensbereichen, beispielsweise in gewerblichen Berufen. Nur in Aufgabenfeldern wie dem Vertrieb oder dem Einkauf, wo neben der fachlichen Qualifikation auch noch Soft Skills wie Verhandlungsgeschick und rhetorische Fähigkeiten gefragt sind, werden auch in Zukunft eher selten Menschen mit Autismus anzutreffen sein, lautet seine Einschätzung.

Doch auch wenn sich Autisten mit vielen Soft Skills schwertun, sind sie durchaus in der Lage, sich diese ein Stück weit anzueignen. „Erweiterung des Verhaltensrepertoires“, so nenne man das, erklärt Psychiater Vogeley. Das könne dann zum Beispiel helfen, das gemeinsame Mittagessen mit den Kollegen zu meistern oder ein anstehendes Kundengespräch.

Menschen mit Autismus ticken anders. Aber eben oft auch nicht so anders, als dass sie nicht in der Lage wären, einen Job auszuüben. Damit dies sowohl für den Autisten als auch für den Arbeitgeber ein Erfolg wird, kommt es darauf an, auf die Individualität des autistischen Mitarbeiters und seinen spezifischen Bedürfnissen bezüglich der Arbeitsplatzgestaltung einzugehen. „Es ist wichtig, äußere Stressoren wegzunehmen, damit man sich mehr auf die Arbeit konzentrieren kann und nicht abgelenkt wird“, sagt Matthias Prössl. Und über einen Wandel in diese Richtung würden sich sicherlich nicht nur die Mitarbeiter mit Autismus freuen, auch die nicht-autistischen Kollegen könnten davon profitieren. „Letztlich ist es nicht viel anderes, als was jeder normale Arbeitnehmer auch bräuchte.“

Dazu passt, dass man bei SAP im Pilotprojekt nicht nur die Erfahrung gemacht hat, dass Menschen mit Autismus wertvolle Mitarbeiter sein können, sondern auch, dass sich „die Produktivität und der Zusammenhalt innerhalb des gesamten Teams entscheidend verbessert“ hat. Man sehe auch eine Veränderung des Kommunikationsverhaltens, die Mitarbeiter sprächen viel offener miteinander, sagt Anka Wittenberg. Autisten ins Unternehmen zu holen ist also nicht nur ein Beitrag zur Diversity, sondern auch zur Verbesserung des Betriebsklimas und damit zur Zufriedenheit aller Mitarbeiter.