Nichts als Arbeit

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Für Arbeitssüchtige gibt es keine Welt außerhalb des Jobs. Für Joachim Bendler endete die Sucht im Kollaps. Jetzt versucht er, aus der „Todesspirale“ rauszukommen. Ausgang offen.

Wenn Joachim Bendler erzählt, wie ihn seine Arbeit zum Absturz brachte, braucht er eine Kriegsmetapher und eine aus dem Reich des Todes. In einen „Zweifrontenkrieg“ habe sie ihn getrieben, sagt er. Auf der einen Seite die Arbeit, auf der anderen die zerbröckelnde Familie. Eine „Todesspirale“, sagt er dazu. Joachim Bendler zündet sich beim Gespräch eine Zigarette an, später wird er erzählen, dass er wirklich nicht wisse, ob es nicht wieder losgehe, mit der Sucht. Die letzte Therapie habe aber eigentlich ganz gut angeschlagen.

Es gibt viele Parallelen zum Alkoholismus

Joachim Bendler heißt eigentlich anders, nur unter der Maßgabe absoluter Anonymität ist er bereit, über ein Thema zu reden, das ihn und nach Expertenschätzungen etwa jeden 20. Beschäftigten betrifft: Arbeitssucht. Laut einer AOK-Studie ist sogar jeder neunte Arbeitnehmer in Deutschland arbeitssüchtig. Die Sucht weist viele Parallelen zum Alkoholismus auf und wirkt ähnlich destruktiv. Es ist schwer, an Arbeitssüchtige ran zu kommen: Der Selbsthilfeverein der Anonymen Arbeitssüchtigen hat regelmäßige Treffen in zwei Dutzend Städten Deutschlands, Publikum ist aber Tabu, Interviews werden abgelehnt. Das Gespräch mit Joachim Bendler vermittelt schließlich dessen Therapeut.

Der Mann kennt seine Krankheit heute besser als sein Büro, er liefert die psychologischen Einordnungen gleich mit. „Ich weise gewisse narzisstische Züge auf“, sagt er. Schon als Kind wollte er immer der Beste sein, der Vater, ein Mann mit hoher Leitungsfunktion, verlangte es so. Schule, Abi, Studium, Promotion, alles beendete er mit Bestnoten, fand als erstklassiger Ingenieur schnell die besten Jobs und stieg auf. Mit 36 wurde er Geschäftsführer. Den Job, den er gerade versucht loszuwerden.

Bendler erzählt, was jeder Arbeitssüchtige kennt. Von der Unfähigkeit, Arbeit zu delegieren, auch jene, die Untergebene erledigen könnten. Es wurde immer mehr, Bendler verlor den Überblick, „es wurde immer mehr zum Troubleshooting“. Gleichzeitig konnte er nicht damit umgehen, wenn die Belastung sank, „Stetigkeit empfand ich immer als Rückschritt“. Dienstreisen häuften sich, „und Abends habe ich auch sehr gerne gearbeitet“. Es kam der Zustand, auf den jeder Betroffene hinsteuert: Die Arbeit wurde zum einzigen sinnstiftenden Element. 2011 verließ Bendlers Frau ihn, mit ihr war er 30 Jahre zusammen, hatte zwei Kinder. Von denen hatte Bendler sowieso nicht viel mitbekommen, sie waren ungefähr so alt wie seine Geschäftsführertätigkeit.

Er erlebte den psychischen Zusammenbruch, auch wenn er zunächst hoffte, es sei nur ein Herzinfarkt, „die Manager-Art des Ausstiegs“, wie er sarkastisch formuliert. Ärzte fanden nichts, rieten zur Therapie. Er ging zu einem Therapeuten.

Oft geht es um Kompensation

Einen wie Peter Berger. Der ist Psychologe an der Hartwaldklinik 2 für Psychotherapie und Psychosomatik, spezialisiert ist er auf das Thema Arbeitssucht. Berger sagt, dass nicht jeder, der gerne und viel arbeitet, arbeitssüchtig sei. „Die Frage ist, bin ich noch souverän, kann ich Zeit, in der ich nicht arbeite, genießen?“ Bei einer Tagung in Basel hat Berger im Frühjahr verschiedene Typen von Arbeitssüchtigen beschrieben: egozentrisch-narzisstisch, einsam-schizoid, abhängig-depressiv, kontrolliert-zwanghaft, vermeidend-phobisch, wetteifernd-rivalisierend. Wortpaare, die den dramatischen Charakter der Sucht deutlich machen. „Es geht fast immer darum, unangenehme Gefühle abzuwehren oder einen Mangel in anderen Lebensbereichen zu kompensieren“. Folge, oft unterbewusst gewollt, sei immer Zerstörung: Der Ängste und schließlich aller persönlichen Beziehungen. „Die Arbeit ist die einzige soziale Sicherheit für Süchtige. Ohne, dass sie die Früchte genießen könnten.“

Arbeitssucht als betriebliche Ressource zu nutzen, sei dabei ein großer Fehler, betont Berger, und ebenso sein Psychologen-Kollege Stefan Poppelreuter. Der ist Autor mehrerer Sachbücher zum Thema und heute Leiter des Bereiches Human Resources Development Service bei der TÜV Rheinland Personal GmbH. Abgesehen von der ethischen Komponente führe „überlastungsbasiertes Verhalten zu mehr Fehlzeiten und plötzlichem Ausscheiden von Arbeitnehmern“. Arbeitssüchtige Tendenzen zu fördern, so Poppelreuter, gleiche dem Vorhaben, einen Alkoholiker in die Schaltzentrale einer Firma zu setzen. „Da müssen sie mit ähnlichen Ausfallerscheinungen rechnen.“ Der HR-Experte empfiehlt Prävention und Intervention. Firmen sollten ein ausgeglichenes Privatleben ermöglichen und Strukturen schaffen, die Arbeitssüchtige auffangen. „Da wandelt sich aber auch schon einiges“, zeigt sich Poppelreuter optimistisch. „Erkennbar an den Dauerthemen Work-Life-Balance und Burnout.“

Am liebsten würde er aussteigen

Joachim Bendlers Firma scheint noch nicht so weit. Er hat sich vor ein paar Monaten kündigen lassen, doch noch ist er als Berater für diverse Projekte eingebunden, arbeitet gerade wieder Vollzeit. Das erste Interview musste er absagen, Telefonkonferenz mit Australien. Am liebsten würde er jetzt aussteigen, Lehrer werden. Eine Schule habe er schon gefunden, doch dort dauere es sehr lange, bis man ins Geschäft komme. „Inzwischen überlege ich wieder, ob ich nicht doch wieder in der Industrie einsteige“, sagt er. Das mache ihm Angst.