Wann ist ein Doktortitel für die Karriere wichtig?

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Noch nie gab es in Deutschland so viele Promotionen wie heute: mehr als 25.000 im Jahr. Was eigentlich als Einstieg in eine akademische Laufbahn gedacht ist, wird von vielen Doktortitel-Anwärtern inzwischen eher als notwendiger Karrierebaustein für das Top-Management verstanden. Dabei gehen die Meinungen darüber auseinander, wie nützlich heutzutage der Titel für die Karriere tatsächlich sein kann.

Bernd Kramer: „Der Gelehrte zerbricht sich über weltfremde Fragen den Kopf und taugt auf dem freien Arbeitsmarkt nur als Taxifahrer. Kaufen kann er sich von seinem schönem Doktortitel nichts. Das ist das Klischee, mit dem die Wirklichkeit wenig gemein hat. Die Statistiken zeigen: Der Doktor lohnt sich, auch und gerade in der freien Wirtschaft. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Fächern, doch in der Tendenz gilt: Wer promoviert hat, verdient besser und hat häufiger Führungsverantwortung. Besonders in den Vorständen großer Konzerne ist der Titel gern gesehen: Im internationalen Vergleich sticht die Doktorliebe deutscher Topmanager deutlich heraus – wohingegen die Statuspromotion bei Politikern, den Plagiatsschlagzeilen zum Trotz, eine nachrangige Rolle spielt.

Ob die Privilegien des Titels gerechtfertigt sind, ist eine andere Frage. Über den Doktor reproduziert sich die Elite des Landes: Wer promoviert, hatte im Studium nicht unbedingt die besseren Noten – wohl aber oft die besser situierten Eltern. Vor allem aber würdigt die Ehrfurcht vor dem Titel andere gleichwertige Leistungen herab: Warum lässt sich erfolgreich abgeschlossene wissenschaftliche Projektarbeit auf Visitenkarten, Türschildern und sogar lebenslang anredefähig im Pass vermerken, während jeder andere Verdienst galant zu verschweigen ist? Der Doktortitel gehört abgeschafft.“

Bernd Kramer ist freier Journalist ist Autor des Buches „Der schnellste Weg zum Doktortitel. Warum selbst schreiben, wenn’s auch anders geht?

 

Martina Neuhäuser: „Ein Doktortitel ist für die Karriere wichtig, wenn geplant ist, eine Laufbahn in der Wissenschaft, an einer Hochschule oder in der Forschung einzuschlagen. In technischen Berufen erfordert eine Promotion großen Zeitaufwand. Wird diese berufsbegleitend erbracht, zeugt sie von entsprechendem Durchhaltvermögen. Der Promovierende hat unter Beweis gestellt, dass er sich vertiefend in ein Themengebiet einzuarbeiten vermag und in der Lage ist, sich selbstständig komplexen Themen zu erschließen. In der Forschung kann dies einen sehr guten fachlichen Einstieg bedeuten. In unserer Forschungsgesellschaft sind nahezu alle Führungsfunktionen mit Doktoren besetzt.

Auch die Vorstände in der deutschen Stahlindustrie verfügen häufig über einen Doktortitel, sodass sich viele Werkstoffwissenschaftler und Metallurgen für eine Promotion entscheiden, wenn sie eine Führungsfunktion anstreben. Für meinen Kollegen Klaus Müsch beispielsweise, der bei der Salzgitter Mannesmann Grobblech GmbH das Prüfzentrum leitet, war nach Abschluss seines werkstoffwissenschaftlichen Studiums klar, dass auch er promovieren würde, weil er darin eine nicht nur fachlich sehr gute Voraussetzung für eine spätere Führungslaufbahn gesehen hat. Das hat sich nach seinem Berufsstart in der Forschungsgesellschaft bewahrheitet.“

Martina Neuhäuser ist Leiterin Führungskräfte bei der Salzgitter AG und bereits seit 15 Jahren in der Personalentwicklung tätig.

 

Nico Rose: „Ein Doktortitel kann in der Wirtschaft auf zwei Arten nützlich sein: Zum einen stellt er für manche Positionen eine Vorbedingung dar, zum Beispiel in den Branchen Pharma und Chemie oder in vielen Bereichen des Ingenieurwesens. Hier ist der Titel Nachweis für eine unmittelbar fachliche Qualifikation. Zum anderen mag er eine Art überfachliche ‚Signaling-Funktion‘ einnehmen und als Eintrittskarte für bestimmte Positionen dienen. Gerade dort, wo viele fachliche Experten den Titel tragen, braucht ab einer gewissen Ebene auch das Management die Promotion als ,Gegengewicht‘.

Wie sehr der Doktortitel einer Karriere helfen kann, hängt aber nicht nur von der Branche, sondern auch der Unternehmenskultur ab. In amerikanischen Unternehmen zum Beispiel ist eine Promotion in der Regel weniger hilfreich, weil man dort eher den MBA als Karrieresprungbrett begreift, während das Konstrukt ,mit Doktor in der Wirtschaft‘ nahezu unbekannt ist. Bei Bertelsmann gibt es einige wenige Bereiche, vor allem in unserer Zentrale, mit einer gewissen Häufung an promovierten Kollegen. Übergreifend betrachtet birgt der Doktortitel aber keine Karrierevorteile im Konzern, für uns zählen Kreativität, Ideen, Engagement und Unternehmergeist.“

Nico Rose ist Senior Director Corporate Management Development bei Bertelsmann sowie als Berater und Coach tätig. Seine Promotion absolvierte er in BWL.

 

Ulrich Goldschmidt: „Für die Karriere ist ein Doktortitel heute so gut wie nicht mehr relevant. Wenn man nicht gerade eine wissenschaftliche Karriere an einer Hochschule oder Forschungseinrichtung anstrebt, hilft ein Doktortitel bei der Karriere nicht mehr. Selbst im medizinischen Bereich ist die Promotion keine zwingende Voraussetzung mehr. Es gibt noch ein paar Beratungsunternehmen, die insbesondere bei jüngeren Mitarbeitern gern einen Doktortitel sehen. Möglicherweise soll damit beim Auftritt gegenüber dem Kunden mangelnde Beratungserfahrung kompensiert werden. In allen anderen Wirtschaftsbereichen hat sich dagegen wohl die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine Promotion nicht automatisch die geforderten Management- und Führungskompetenzen garantiert. Deshalb wird eine Promotion auch nicht mehr mit einer höheren Vergütung belohnt. Mit der Promotion hat man zwar gezeigt, dass man in der Lage ist, ein solches Projekt mit einem hohen Maß an Zielstrebigkeit zu Ende zu führen.

Das allein reicht aber weder für eine hochwertige Fachlaufbahn noch für Führungsaufgaben. Auf keinen Fall ist die Promotion der Schlüssel zum Top-Management. Vielmehr sollte man sich davor hüten, den Titel allzu offensichtlich als Aushängeschild vor sich herzutragen. Damit diskreditiert man sich nur selbst.“

Ulrich Goldschmidt ist promovierter Arbeitsrechtler und Vorstandsvorsitzender des Verbandes „Die Führungskräfte“.