Weltweit Leben retten

Die internationale Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ entsendet Mitarbeiter in Krisen- und Katastrophengebiete. Um möglichst passgenau Personal vor Ort einsetzen zu können, sind neben einer gezielten Personalauswahl eine gute Bedarfsplanung und Flexibilität wichtig. 

Schon kurz nachdem der Taifun Haiyan Anfang November eine Schneise der Zerstörung auf verschiedenen Inseln der Philippinen hinterlassen hatte, lief die internationale Hilfsmaschinerie an. Viele Organisationen wie „Malteser International“ oder das „Technische Hilfswerk“ schickten schnell Mitarbeiter in die Katastrophenregion, um den Menschen vor Ort zu helfen. So auch „Ärzte ohne  Grenzen“.

Die internationale Nichtregierungsorganisation (NGO) leistet medizinische Nothilfe in solchen akuten Krisensituationen, aber engagiert sich auch längerfristig in Ländern, „in denen das Überleben von Menschen durch Konflikte, Epidemien oder natürliche Katastrophen gefährdet ist“, wie es auf der Website der deutschen Sektion des Hilfswerks heißt. Ein breites Aufgabengebiet folgt diesem Grundverständnis. Dazu zählen vor allem eine basismedizinische Versorgung, chirurgische Nothilfe, die Versorgung von Schwangeren und mangelernährter Kinder, der Kampf gegen Epidemien und Impfkampagnen.

Auf den Philippinen geht es vor allem darum, medizinische Nothilfe zu leisten. Für solche Katastrophensituationen gibt es bei „Ärzte ohne Grenzen“ Emergency-Teams aus erfahrenen, festangestellten Fachkräften, die sofort ausreisen. Nur so ist es möglich, dass auch auf den Philippinen bereits einen Tag nach dem Taifun die ersten Helfer in der stark zerstörten Stadt Cebu einsatzbereit waren. Rund eine Woche später waren es bereits 152, Ende November über 190. Darunter ist nicht nur medizinisches Fachpersonal, sondern es sind ebenfalls Psychologen,  Logistiker und Wasser- und Sanitärexperten.

Personaler im Einsatz

Denn auch wenn sich die Organisation in ihren Tätigkeiten auf den medizinischen Aspekt konzentriert, braucht es daneben genauso Spezialisten anderer Gebiete, um diese Arbeit erst möglich zu machen. Daher sind unter anderem auch KFZ- und Finanzexperten gefragt, genauso wie Personaler. Letztere betreuen in den Projekten im Ausland die nationalen Mitarbeiter und sind Ansprechpartner für die internationalen Kollegen. Auch sind sie erster Kontakt für die Poolmanager, die bei der Entsendung von Mitarbeitern in Projekte eine entscheidende Rolle einnehmen.

Für jede Berufsgruppe, aus der „Ärzte ohne Grenzen“ für die weltweite Projektarbeit Personal benötigt, gibt es einen Pool mit Kandidaten, die den Auswahlprozess der Organisation schon erfolgreich durchlaufen haben und auf ihren Auslandseinsatz warten. Der Poolmanager hat nicht nur diese im Blick, sondern bekommt auch von Seiten der einzelnen Projekte die Rückmeldung darüber, wie viele Chirurgen, Hebammen oder Architekten man benötigt. „Es ist also nicht so, dass wir erst neues Personal rekrutieren und noch gar nicht wissen, ob es überhaupt ausreichend Stellen gibt“, erklärt Andreas Fertig, der das Recruiting für die Organisation in Deutschland koordiniert. Die einzelnen Pools spielen daher eine zentrale Rolle dabei, die vorhandenen Personalressourcen bestmöglich einzusetzen.

Damit sowohl „Ärzte ohne Grenzen“ als auch der einzelne Mitarbeiter bestmöglich planen können, empfiehlt Fertig, sich vier bis sechs Monate vor einer möglichen Ausreise zu bewerben. Denn in der Regel befinden sich die Bewerber dann noch in einem Arbeitsverhältnis, haben Kündigungsfristen zu beachten. Eine gute Planung und Vernetzung ist daher von beiden Seiten wichtig. Genauso ist ein hohes Maß an Flexibilität gefragt. Denn ist ein Bewerber einmal in den Pool aufgenommen, kann es schnell losgehen, manchmal dauert es aber auch länger, bis ein passendes Projekt gefunden ist.

Für die Aufnahme in den Pool und die anschließende Vermittlung ins Projekt sind neben den fachlichen Kompetenzen und der Persönlichkeit vor allem die Sprachkenntnisse ausschlaggebend: „Englisch ist ein absolutes Muss für alle“, sagt der Recruiter. „Wir erwarten kein perfektes Oxford-Englisch, aber die Leute müssen sprechen können.“ Daneben spielt in sehr vielen Ländern  natürlich auch Französisch eine große Rolle. Andere Punkte, die wichtig sind, sind die Verfügbarkeit, Reise- oder bestmöglich Arbeitserfahrung in Entwicklungsländern, aber auch Punkte wie die WG-Tauglichkeit. Denn man lebt im Projekt eng mit den Kollegen zusammen. Ein Stressfaktor, wie Fertig meint: „Auch bei uns gibt es dann schon einmal Streit über das letzte Stück Käse im Kühlschrank oder das Nutella.“

Neunzig Prozent lokale Mitarbeiter

Die Ärzteorganisation führt in über 70 Ländern mehr als 200 verschiedene Projekte durch. Weltweit arbeiten rund 25.000 Menschen für sie, die allergrößte Mehrheit davon sind Mitarbeiter, die aus dem jeweiligen Einsatzland stammen. Nur zehn Prozent sind als Projektmitarbeiter entsandt. Meist bleiben diese zwischen sechs und zwölf Monate im Ausland. Aus Deutschland werden im Jahr zwischen 250 und 300 Personen entsandt. Bei rund 360 Bewerbungen insgesamt ist das eine hohe Quote. Das liegt unter anderem an den zahlreichen Informationen, die Andreas Fertig und sein Team Interessenten auf allen möglichen Kanälen zur Verfügung stellen.

Dazu zählen Veranstaltungen auf Fachkongressen, Vorträge bei Institutionen wie dem Tropeninstitut und generelle Infoabende. Auch die konkreten Stellenanzeigen streuen die Recruiter breit: Zum einen klassisch über Anzeigen in Printpublikationen, Onlinemedien und Stellenportale, zum anderen über die sozialen Medien, die Fertig als sehr wichtigen Kanal ansieht. Insgesamt hat er daher auch die Erfahrung gemacht, dass viele Bewerber „ganz schön gut“ informiert sind über das, was sie bei einem Auslandseinsatz erwartet. Auch wenn man sich als Erstausreisender nie hundertprozentig vorstellen kann, wie die Arbeit konkret aussehen wird und wie man mit der Situation vor Ort klar kommt. „Daher wäre es auch Nonsens, zu fragen, wie man reagieren würde, wenn man zum Beispiel in der Ferne Kriegsgeschehen hört. Das ist einfach hypothetisch für die meisten Menschen. Gott sei Dank“, meint Fertig, der selbst vor seiner Personaler-Tätigkeit in der deutschen Sektion in Projekten in Uganda, Liberia und dem Sudan gearbeitet hat.

Aber es muss klar sein, dass die Bewerber wissen, worauf sie sich einlassen. Aus diesem Grund gibt es für all diejenigen, die in den Kandidaten-Pool aufgenommen wurden, einen projektunspezifischen Vorbereitungskurs und ein Briefing, das sich nach erfolgreicher Vermittlung auf den konkreten Einsatz bezieht. Auch Sicherheitsaspekte werden thematisiert. Ein wichtiger Punkt. Denn leider geraten Mitarbeiter im Ausland immer wieder in gefährliche Situationen. Erst im Juli wurden zwei spanische Mitarbeiterinnen freigelassen, die knapp zwei Jahre zuvor aus dem Flüchtlingslager Dadaab in Kenia nach Somalia entführt wurden. Man vermutet, dass die radikalislamische Miliz „Al Schabaab“ für die Entführungen verantwortlich war. Im Sommer zog sich „Ärzte ohne Grenzen“ nach 22 Jahren sogar komplett aus Somalia zurück. 16 Mitarbeiter waren bis zu diesem Zeitpunkt dort ums Leben gekommen. „Wir beenden unsere Programme in Somalia, weil die Situation im Land zu einem unhaltbaren Ungleichgewicht geführt hat zwischen den Risiken, die unsere Mitarbeiter eingehen müssen, und unseren Möglichkeiten, der somalischen Bevölkerung zu helfen”, sagte damals Unni Karunakara, der internationale Präsident von „Ärzte ohne Grenzen“. Zum Aspekt Sicherheit zählt auch, sicher sein zu können, dass man im Ernstfall nach Hause gebracht wird oder es eine sogenannte medizinische Evakuierung gibt.

Rückflug bei Notfällen daheim

Ein anderer, laut Recruiter Andreas Fertig nicht zu unterschätzender Punkt, ist die Sorge um die Daheimgebliebenen. Es sei sehr belastend für die Mitarbeiter, wenn beispielsweise einem  Familienmitglied etwas passiert. Diese Sorge könne man den Ausreisenden auch nicht komplett abnehmen. Aber die Versicherung, in solch einem Fall direkt nach Hause fliegen zu können, beruhigt.

Die Organisation kümmert sich sehr stark um das Wohlergehen ihrer Projektmitarbeiter. Dazu gehört nicht nur die ausführliche Information vor einem Einsatz, sondern auch währenddessen und danach. Bei der Ankunft im Projekt vor Ort gibt es nochmal ein Briefing und eine Übergabe, bei denen man von seinem Vorgänger ein paar Tage lang in die Arbeit eingewiesen wird. Und nach der Rückkehr stehen sowohl die Personalabteilung als auch andere Projektmitarbeiter und optional Psychologen als Gesprächspartner zur Verfügung. Außerdem füllen die Rückkehrer ein „End-of-Mission-Survey“ aus und werden darin zu ihren Erfahrungen befragt.

Man ist bemüht, die Mitarbeiter langfristig zu gewinnen. „Wir hoffen immer, dass jemand zwei oder dreimal ins Ausland geht oder Interesse an einer Koordinations-Tätigkeit entwickelt“, erklärt Andreas Fertig. Jedoch gehen rund 40 Prozent des medizinischen Personals nur für einen Einsatz ins Ausland. Bei den Nicht-Medizinern sind es 20 bis 30 Prozent. Andere reihen Projekt an Projekt und machen innerhalb der Organisation Karriere.

Bei der Frage, wie oft jemand ins Ausland geht, spielt entweder das Privatleben, die Karriere zuhause oder der finanzielle Aspekt die entscheidende Rolle. Letzteres ist ein wichtiger Punkt: „Manche werden sich deswegen nicht bei uns bewerben können“, meint Andreas Fertig. Denn für den ersten Einsatz gibt es eine Aufwandsentschädigung von 900 Euro im Monat. Das erhöht sich zwar mit jedem Einsatz und die Organisation übernimmt auch die Reise-, Impf- und Unterkunftskosten, aber die Motivation zu einem Einsatz bezieht man definitiv nicht über das Geld. Da gibt es Essenzielleres.

Eine Ärztin, die in der Zentralafrikanischen Republik tätig war, sagt nach ihrer Rückkehr in einem Interview mit der Organisation: „Ich habe schreckliche Dinge gesehen und grauenhafte Geschichten gehört. Aber vor allem bin ich sehr froh über das, was wir geschafft haben – obwohl die Möglichkeiten vor Ort begrenzt sind. Aber was zählt, ist nur, dass wir damit Leben retten konnten.“

Um die Beantwortung der Sinnfrage, die so viele Arbeitnehmer heute umtreibt, muss sich „Ärzte ohne Grenzen“ also keine Gedanken machen. Vielmehr geht es für die Organisation darum,  flexible, weltoffene Mitarbeiter zu finden, die bereit sind, ein gewisses Sicherheitsrisiko zu tragen und auf gängigen Komfort für eine ganze Weile zu verzichten. So wie die Mitarbeiter, die auf den Philippinen sind: „Jeder von uns hat schließlich eine Ecke, ein Sofa oder – für die, die am meisten Glück hatten – ein Bett gefunden. Dann sind wir alle zusammengebrochen“, schreibt  beispielsweise Yann Libessart, Mitglied des Emergency Teams, auf seinem Mitarbeiterblog.

„Ärzte ohne Grenzen“ bietet Jobs, für die nicht jeder gemacht ist. Daher ist klar, dass diejenigen, die dazu in der Lage sind, so gut wie möglich umsorgt werden. Denn ohne die Mitarbeiter kann der ehrgeizige Anspruch der NGO nicht erfüllt werden.