Geniales Gemüse: Wie Ernährung unser Denken beeinflusst

Die Ernährung hat Einfluss auf Denken und Psyche: Wer viel Gemüse isst, ist produktiver und kann sich besser konzentrieren.
© unsplash / Mae Mu

Was wir essen, hat Auswirkungen auf Körper und Geist. Kein Wunder also, dass das Interesse an gesundem Essen wächst.  In Kantinen jedoch ist die Currywurst mit Pommes weiterhin das Lieblingsessen vieler Mitarbeiter. Was kann man dagegen tun und welchen Einfluss auf das Denken hat unsere Ernährung tatsächlich?

In Zeiten von veganer, vegetarischer, lactosefreier und fettreduzierter Ernährung ist das Thema Nahrungsaufnahme für den modernen Menschen längst identitätsstiftend. Doch was ist dran an dem Sprichwort: Du bist, was du isst? Inwiefern hat die Ernährung tatsächlich Einfluss auf die Psyche, unser Verhalten, gar unsere Persönlichkeit?

Dass eine Verbindung zwischen körperlichem Empfinden, Psyche und Ernährung besteht, wird schon seit Jahrtausenden angenommen. Auch die Psychologin und Hirnforscherin Soyoung Q Park vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke bestätigt: „Ernähren wir uns schlecht, spüren wir Auswirkungen auf unseren Körper, unsere Gesundheit und auch auf unsere Psyche.“

Vorsicht vor vermeintlichen Kausalitäten

Studien zu dem Thema finden sich zuhauf. Im Rahmen einer britischen Studie beispielsweise verfolgen Forscher seit den Neunzigerjahren die Entwicklung von Kindern aus 14.500 Familien. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass Kinder, die nicht gestillt wurden oder als Kleinkinder viel Fettiges und Süßes aßen, im Alter von acht Jahren etwas weniger intelligent waren als Kinder, die gestillt und insgesamt gesünder ernährt wurden. 2012 zeigte eine Untersuchung von 245 Grundschülern im Iran, dass Kinder, die viel industriell hergestellten Weißzucker, Weißbrot oder Nudeln konsumierten, ebenfalls schlechtere Ergebnisse in Intelligenztests erzielten. Das zeigt: Wer viel Zucker und stark verarbeitete Getreide- und Kartoffelprodukte isst, dem fällt das Denken offenbar schwerer.

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Beide Studien haben allerdings Schwächen: Sie belegen lediglich, dass ein Zusammenhang zwischen Ernährung und Intelligenz besteht, konkretisieren aber nicht, worin dieser besteht. Weniger ausgewogene Ernährung muss nicht zwingend auch die Ursache für eine geringere Intelligenz sein. Es könnte auch sein, dass weniger schlaue Kinder einfach eher zu Fast Food greifen. Oder dass Eltern gleichzeitig weniger Wert auf eine gesunde Ernährung und auf die geistige Entwicklung ihres Nachwuchses legen.

Neben dem Einfluss der Nahrung auf die Intelligenz rückt auch der Einfluss von Darmbakterien auf die Psyche immer mehr in den Fokus der Wissenschaft. Forscher trauen den Billionen Bakterien im menschlichen Darm, die auch als Mikrobiom bezeichnet werden, viel zu: So soll das Mikrobiom maßgeblich an Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer-Demenz und Schizophrenie beteiligt sein. Bei Patienten mit diesen Krankheitsbildern stellten die Wissenschaftler zumindest fest, dass das Mikrobiom spezifisch verändert ist. Die Hoffnung ist nun, jene Krankheiten irgendwann mit einem Eingriff in die Darmflora heilen zu können. Doch auch hier gilt: Es ist unklar, ob die Veränderungen der Darmbakterien Ursache oder Folge der jeweiligen Erkrankung sind. Auch Hirnforscherin Park warnt vor voreiligen Schlüssen: Die Forschung befinde sich sowohl im Bereich der Darmbakterien als auch im Bereich der Verbindung zwischen Ernährung und Psyche noch am Anfang. Konkrete Ernährungstipps auf Grundlage der derzeitigen Studienlage möchte sie jedenfalls nicht ableiten. „Am besten ist es, sich so abwechslungsreich wie möglich zu ernähren und nach Möglichkeit frisch Zubereitetes zu essen“, sagt sie.

Currywurst mit Pommes am beliebtesten

Die wachsende Anzahl von Studien zum Thema Auswirkungen von vermeintlich falschem Essen, die Präsenz der Thematik in den Medien und ständig wechselnde Foodtrends zeigen eines: Das Interesse am Thema Ernährung ist groß und ungebrochen.

Ökotrophologin Anita Zilliken vom Institut für betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) stellt ebenfalls fest, dass sich Frauen wie auch Männer mehr und intensiver mit dem Thema auseinandersetzen. Und auch für Unternehmen rückt die Nahrungsaufnahme der Mitarbeiter zunehmend in den Vordergrund. „Ausgewogen ernährte Mitarbeiter sind leistungsfähiger, motivierter und zufriedener bei der Arbeit. Außerdem sind sie produktiver, weil sie sich besser konzentrieren können“, sagt Zilliken. Sie und ihr Team besuchen Firmen, um sowohl Mitarbeiter als auch Arbeitgeber in Sachen gute Ernährung zu beraten. Dafür präsentieren sie zum Beispiel Pausensnack-Alternativen: Denn es müsse nicht immer das belegte Butterbrot von zu Hause oder der Schokoriegel aus dem Süßigkeitenautomaten sein, sagt die Expertin. Besser seien zum Beispiel selbst gemachter Kichererbsen-Couscous-Salat oder frisches Obst. Arbeitgebern schlägt sie vor, für Getränke zu sorgen und einmal die Woche einen Obst- und Gemüsekorb für die Angestellten bereitzustellen.

Auch bei der betrieblichen Mittagsverpflegung scheint es beim Thema Ernährung Nachholbedarf zu geben: Rund 6,5 Millionen Deutsche essen täglich in einer der 10.000 Kantinen. Laut Apetito, dem führenden deutschen Kantinenkostanbieter, führte 2018 die Currywurst mit Pommes die Hitliste der beliebtesten Kantinenessen an. Auf Platz zwei landete das Schnitzel mit Bratkartoffeln. Auf Platz drei lag Spaghetti Bolognese. Gerichte also, die der breiten Masse dank Zucker und Fett schmecken. Und das, obwohl jeder Erwachsene weiß, dass sie alles andere als gesund sind.

Alternativen anbieten

Anita Zilliken jagen diese Speisen als Ernährungsexpertin natürlich einen Schauer über den Rücken. Dennoch rät sie davon ab, die Gerichte gänzlich von der Speisekarte zu streichen. Denn: „Der Kunde wünscht das häufig“, sagt sie, „und Kantinen müssen auch wirtschaftlich arbeiten. Bieten sie solche Speisen nicht an, geht der Gast zur Imbissbude nebenan.“ Allerdings rät sie Betriebsrestaurants, die genannten Essen nur alle vier Wochen anzubieten. Wichtig seien außerdem Wahlmöglichkeiten. Was bedeute, dass es nicht nur unterschiedliche Menüs gebe, sondern auch dass sich der Kunde die Essenskomponenten selbst zusammenstellen könne. So könne die Currywurst oder das Schnitzel beispielsweise mit einem Salat statt mit Pommes kombiniert werden und sei so gesünder. „Es ist wichtig, die gesunden Essen immer wieder anzubieten, damit der Kunde sie kennenlernen kann.“

Auch Susanne Leitzen von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) würde die Lieblingskantinengerichte der Deutschen nicht einfach von der Karte verbannen. Um den Konsum dieser Speisen allerdings etwas einzudämmen, regt die Ökotrophologin an, die Konzeption von Kantinen zu überdenken. „Der Arbeitnehmer wird versuchen, seine Pause so optimal wie möglich zu nutzen. Das heißt, der Arbeitgeber kann sich die Laufwege seiner Belegschaft in der Kantine angucken und dann an prominenter Stelle die gesünderen Mahlzeiten platzieren, die idealerweise nach dem DGE-Qualitätsstandard für die Betriebsverpflegung zubereitet sind. Durch eine zusätzliche Ausgabekraft beim gesunden Essen kann er zudem die Ausgabe beschleunigen, so dass es dort schneller geht“, regt die Expertin für „Job und Fit“ an – ein Programm der bundesweiten Initiative „In Form“. Um das Interesse an der Gesundheit der Mitarbeiter zu unterstreichen, sei es auch möglich, einen Sperrbildschirm im Büro zu programmieren, der am Arbeitsplatz regelmäßig daran erinnere, ausreichend zu trinken und Obst zu essen. Übergriffig findet Leitzen die Vorschläge nicht. „Der Arbeitgeber muss die Idee dahinter nur transparent machen“, sagt sie.

Zwischen Selbstbestimmung und Zwang

Kerstin Jerchel ist da anderer Meinung. Sie leitet den Bereich der Mitbestimmung bei Verdi. Die Gewerkschaft ist mit circa zwei Millionen Mitgliedern die zweitgrößte in Deutschland. Sie könne verstehen, dass Betriebe an der Gesunderhaltung ihrer Mitarbeiter interessiert seien, sagt Jerchel. „Aber wir sind erwachsen und können selbst entscheiden, wann wir wie viel trinken und ob wir genug Obst essen.“ Der Arbeitgeber bewege sich in einen Bereich, der privat sei. Zumindest in Unternehmen, in denen es einen Betriebsrat gebe, könne diese Form des Eingriffs Fragen aufwerfen. „Der Betriebsrat wird in so einem Fall seine Ansprüche geltend machen und sein Mitspracherecht einfordern“, sagt Jerchel. Zudem gibt sie zu bedenken, dass ein Sperrbildschirm mit einer – wenn auch freundlich gemeinten – Erinnerung, genug zu trinken, Unsicherheit beim Arbeitnehmer hervorrufen könne. „Der Arbeitgeber baut so unterschwelligen Druck auf“, so die Verdi-Expertin. Er müsse seinen Beschäftigten deswegen zumindest die Möglichkeit geben, diese Form des Sperrbildschirms ausschalten zu können.

Den Gedanken der Steuerbarkeit in Kantinen empfindet hingegen auch Hirnforscherin Park aus wissenschaftlicher Sicht reizvoll. „Wir entwickeln schon in frühem Alter Ernährungspräferenzen. Dinge, die wir als Kind schon mochten, werden allmählich zur Routine“, erklärt Park. Dieses Verhalten sei schwer zu steuern. Das Angebot einer Großküche sei allerdings eine Chance, diese Routine zu durchbrechen. Nämlich dann, wenn vornehmlich gesundes Essen angeboten werde. „Dann wird dieses gesunde Essen nach und nach zur Gewohnheit“, erläutert Park. Zudem hätten Studien bewiesen, dass Ernährungsumstellungen leichter in einer Gruppe umsetzbar seien. Auch dafür seien Betriebsrestaurants prädestiniert.

Selbst wenn Studien also noch nicht hinreichend die Wirkung von Essen auf Psyche und Körper belegen können, scheint schon jetzt sicher: Ausgewogene, frische Nahrung tut mehr für den Menschen als Fast Food. An dieser Stelle kann der Arbeitgeber ansetzen und so die Gesundheit der Belegschaft unterstützen. Die Beschäftigten müssen dieses Angebot dann nur noch annehmen.