Zehn Minuten für den ersten Eindruck

Ein kurzes Gespräch – dann ab zum nächsten Tisch. Das Chef-Dating der Agentur für Arbeit in Potsdam orientiert sich an der Idee des Speed-Datings. In diesem Fall treffen aber Hochschulabsolventen und potenzielle Arbeitgeber aufeinander.

Man trifft sich im Berufsinformationszentrum, einem funktional ausgestatteten Raum der Agentur für Arbeit in Potsdam, der für das Event extra hergerichtet wurde. In der Ecke neben dem Eingang gibt es eine Art Lounge, wo Sitzgelegenheiten, Getränke und Snacks bereitstehen. Im Raum selbst stehen 15 kleine Tische mit den Namen der Arbeitgeber, die sich hier mit Hochschulabsolventen und jungen Akademikern zum jährlichen Chef-Dating treffen, das die Arbeitsagentur Mitte Juni zum vierten Mal veranstaltete. Die Idee ist abgeleitet vom Speed-Dating, bei dem sich eine Gruppe Singles anhand kurzer Zweier-Gespräche kennenlernt und anschließend ein jeder entscheidet, mit wem sie sich ein weiteres Date vorstellen könnte. An diesen Grundgedanken erinnern einen die kleinen Kerzen, die auf den Tischen stehen.

Ziel des Chef-Datings in Potsdam ist es, so beschreibt es Clarissa Schmidt aus der Pressestelle der Arbeitsagentur, Bewerbern die Gelegenheit zu geben, „live und in Farbe“ zu überzeugen. „Die Persönlichkeit kommt als erstes – und erst dann die Bewerbungsmappe.“ Außerdem will man akademische Fachkräfte in der Region halten und auf die Möglichkeiten des regionalen Arbeitsmarktes aufmerksam machen. „Beim Chef-Dating sind viele mittelständische Betriebe und Start-Ups dabei, die vielleicht nicht jeder unbedingt auf Anhieb kennt“, erklärt Schmidt.

Eine Vielzahl von Branchen sind vertreten

Am Eingang des Berufsinformationszentrums steht eine große Pinnwand, an der ein Plan anzeigt, wer mit wem wann ein zehnminütiges Gespräch führen wird. Diese Termine hat Frau Tennikait-Handschuh vom Hochschulteam der Arbeitsagentur, das das Chef-Dating organisiert, gemeinsam mit ihren Kollegen vorab festgelegt und abgesprochen. Denn nicht alle Hochschulabsolventen passen vom Profil zu allen Arbeitgebern, die an dem Abend dabei sind. Gefragt sind zwar auch Betriebswirte, Ingenieure und Software-Entwickler, aber genauso werden Recruiting-Experten und wissenschaftliche Mitarbeiter gesucht.

Letzteres passt perfekt zum Profil von Eva Luckert. Sie hat an der Universität Potsdam Molekularbiologie studiert und würde jetzt gerne in der Region bleiben. Ihre Beraterin aus dem Jobcenter hat sie auf das Chef-Dating aufmerksam gemacht, bei dem für sie eine Firma von Interesse ist. Das es nur eine ist, stört sie nicht: „Es ist schon großes Glück, dass überhaupt etwas Passendes aus Potsdam dabei ist.“ Gespannt ist sie vor dem Gespräch, auf das sie sich ganz klassisch vorbereitet hat, mit Recherche zum Unternehmen und Aufbereitung ihrer Unterlagen. Das war wohl die richtige Strategie, denn sie wurde zum Probearbeiten eingeladen, wie sie im Anschluss an das Job-Date berichtet.

Die Atmosphäre beim Chef-Dating ist locker und ungezwungen, dazu tragen auch die Vertreterinnen des Hochschulteams der Agentur für Arbeit bei, die den Anwesenden die ganze Zeit mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das Glöckchen, das den Beginn und das Ende der jeweiligen Gespräche markieren soll, brauchen die Teilnehmer daher schon in der zweiten Runde nicht mehr. Sobald die Jobanwärter ihre Plätze getauscht haben, fangen lebhafte Gespräche an. Natürlich merkt man aber auch manchem Bewerber eine gewissen Nervosität und Aufregung an – verständlich, schließlich geht es für sie um einen Job. Manche schauen daher in der Lounge nochmal ihre Unterlagen durch, bevor sie ins Gespräch starten, andere suchen hingegen lieber den Austausch mit anderen Teilnehmern.

Mit Spaß mögliche Arbeitgeber kennenlernen

Und Victor Mariamis wechselt alle zehn Minuten Tisch und Gesprächspartner. Er studiert an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder den Masterstudiengang International Business Administration im letzten Semester. Er hat an dem Abend sieben Zehn-Minuten-Dates. Auch er, der in Potsdam wohnt, möchte gerne in der Region bleiben. Festgelegt auf einen bestimmten Job sei er nicht, sagt er, denn sein Studium sei breit gefächert. Technikaffin sei er und etwas im Bereich Consulting könne er sich vorstellen. Mariamis mag an der Idee des Chef-Datings, potenzielle Arbeitgeber und deren Vertreter „auf eine persönliche Art und Weise kennenzulernen“. „Ich erwarte aber auch nicht zu viel davon, der Spaßfaktor steht für mich im Vordergrund.“ Trotzdem hat er nach den ersten Gesprächen einen klaren Favoriten, eine Wirtschaftskanzlei.

Die Jobsuche hat Matthias Drechsler schon hinter sich. Er ist als Vertreter einer Unternehmensberatung vor Ort. Allerdings hat er einen besonderen Bezug zum Chef-Dating, denn er hat selber vor ein paar Jahren als Jobsuchender an der Veranstaltung teilgenommen. Zwar hat er seinen jetzigen Arbeitgeber nicht darüber kennengelernt, doch kann er sich aufgrund seines Seitenwechsels gut in die Bewerber hineinversetzen: „Man ist hier genauso nervös wie bei einem normalen Vorstellungsgespräch und will sich so gut es geht verkaufen.“ Jetzt sitzt er hingegen recht entspannt auf der anderen Seite. Trotzdem wäre er gerne etwas vorbereiteter auf die Kandidaten. Denn die einzige Information, die er vorab erhalten hat, waren – entsprechend der Idee des Chef-Datings – die Namen der Teilnehmer. Ungewöhnlich für einen Personaler, der sich im Normalfall die ganze Bewerbungsmappe eines Kandidaten vor einem Gespräch anschauen kann.

Trotzdem, das Format scheint auf beiden Seiten gut anzukommen. Die Kommentare reichen von „kurz und schmerzlos“ in Bezug auf die knappen Job-Interviews bis „das ist genau die richtige Atmosphäre hier“. Beste Voraussetzungen also, um im nächsten Jahr die fünfte Runde des Chef-Datings einzuläuten.