Oft unterschätzt: betriebliches Gesundheitsmanagement

09.01.2019
(c) gettyimages/lOvE lOvE
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Die Akzeptanz eines betrieblichen Gesundheitsmanagements hängt stark von der Messbarkeit der Erfolge ab. Mit den richtigen Kennzahlen sollen Unternehmen ihr BGM fortlaufend evaluieren können.

Herr Mundt, inwieweit wird das Thema „BGM“ in Unternehmen unterschätzt?

Christoph Mundt: Es gibt bereits viele Unternehmen, die das Thema BGM sehr erfolgreich als Win-Win für Mitarbeiter und das Unternehmen in ihren Unternehmensalltag integriert haben. BGM als „Feigenblatt“ zu nutzen, wird dagegen zu Recht von den Mitarbeitern enttarnt und verliert an Attraktivität und Wirkung.

BGM ist sicherlich kein Allheilmittel für sämtliche betrieblichen Probleme. Richtig geplant und treffsicher in die Betriebsprozesse integriert, kann BGM allerdings einen wichtigen Unterschied für Unternehmen und ihre Mitarbeiter ausmachen. Hier muss aber unbedingt zwischen „Rückenschule und Obstkorb“ und einem strukturierten BGM Prozess von der Bedarfsbestimmung bis zur Nachhaltigkeit unterschieden werden.

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Dadurch ist es möglich, sehr gezielt Maßnahmen zu integrieren, die von den Pflichtinhalten des Arbeitsschutzes bis zu Themen wie der Steigerung von Mitarbeiterzufriedenheit und Verbesserung der Unternehmenskultur reichen.

In der Praxis begegnen uns immer wieder Unternehmen, die gar nicht so richtig wissen was BGM tatsächlich bewirken kann und wie es erfolgreich angegangen wird. Daraus entstehen die hier exemplarisch genutzten Maßnahmen „Obstkorb und Rückenschule“.

Abschließend zu dieser Frage ist ein größer werdender Bedarf an Aufklärung über Aufbau und Wirkung von BGM so wie gut ausgebildete BGM-Verantwortliche in den Unternehmen zu nennen. Noch stechen Unternehmen mit einem guten BGM aus der Masse hervor. In Zukunft werden Mitarbeiter gezielt Unternehmen auswählen, die mehr bieten als ein gutes Gehalt und Home-Office.

Dann wird BGM in der Zukunft die Wertschätzung bekommen, die es verdient.

Wie können Kennzahlen Erfolge von BGM-Maßnahmen verdeutlichen?

Wenn die Unternehmensleitung darüber nachdenkt ein BGM einzuführen, wird früher oder später die Frage aufkommen, was kostet uns ein BGM und was bringt es uns. Und zwar oft in dieser Reihenfolge. Hier sollte ein BGM die Ansätze anderer bestehender Unternehmensbereiche aufnehmen und ebenfalls mit Kennzahlen arbeiten. Dies hat Vorteile auf zwei Seiten. Die Geschäftsführung erhält regelmäßig Auskunft über Kosten und Nutzen von BGM-Maßnahmen und die BGM-Verantwortlichen erhalten Hinweise für den weiteren Handlungsbedarf. Ihre weitere Planung kann darauf aufbauen.

In der Praxis müssen die BGM-Verantwortlichen lernen, die Sprache der Geschäftsführung zu sprechen. Und diese ist häufig die Sprache der Zahlen. Während der Krankenstand und die Mitarbeiterfluktuation in den meisten Unternehmen eh schon gemessen werden, wird es besonders spannend bei den weichen Faktoren wir der Mitarbeiterzufriedenheit. Hier ist zu betonen, dass ein Kennzahlensystem so unterschiedlich ist wie das Unternehmen, das damit arbeiten will.

Schafft man es aber ein Kennzahlensystem aufzubauen, das zu dem Unternehmen, dessen Mitarbeitern und dessen Zielen passt, ist eine sehr gute Grundlage geschaffen, ein nachhaltiges BGM im Interesse aller Beteiligten zu integrieren.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein Kennzahlensystem BGM Maßnahmen akkurat misst?

Zunächst einmal müssen die Kennzahlen das darstellen, das ich mit meinen Maßnahmen beeinflussen möchte. Dafür darf es eben nicht sein, dass eine Maßnahme einfach mal durchgeführt wird. Getreu dem Motto: „Rücken geht immer“. Die Auswahl von Kennzahlen beginnt bereits in der Analysephase. Durch die Analyse wird der tatsächliche Bedarf festgelegt. Maßnahmen müssen messerscharf auf die Analyseergebnisse abgestimmt werden. Nur auf diese Art wird BGM zum Erfolg. Damit wird klar, bereits am Anfang muss festgelegt werden, wie in diesem spezifischen Fall Veränderungen gemessen und aufgezeigt werden können. Betrachtet man BGM über mehrere Jahre, so werden sich auch die Kennzahlen verändern, die im Fokus stehen. Sind es in dem einen Zyklus die Präsentismusrate und die Fehlerquote, können es im nächsten Zyklus zum Beispiel die empfundene Wertschätzung und das Einhalten einer Regelkommunikation sein.

Wenn ein Unternehmen nun neben Kennzahlen, die permanent überwacht werden sollen, wie Krankenquote, BEM-Fälle usw. noch bedarfsspezifische Kennzahlen erfasst, beispielsweise bei dem Interventionsschwerpunkt „Präsentismus“, kann daraus ein Frühwarnsystem entstehen. Die BGM-Verantwortlichen bekommen dadurch die Möglichkeit, Handlungsbedarf zu entdecken und sehr frühzeitig gezielte Gegenmaßnahmen zu initiieren.

In meinem Vortrag möchte ich dazu ein Beispiel aus meiner betrieblichen Praxis zeigen. In der Linzenich Fitnessgruppe oHG mit ca.180 MA war der Krankenstand noch nie ein großes Problem. Allerdings stehen Mitarbeiterzufriedenheit und Arbeitgeberattraktivität ganz oben auf der Zielliste.

Christoph Mundt ist Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement, Dozent an der BSA-Akademie und Personalleiter der Linzenich Fitnessgruppe OHG und Berater für die Sparte BGF/BGM.

Auf der 9. Tagung Corporate Health hält er einen Best-Case-Vortrag mit dem Titel „Monitoring – von der Kennzahl zum Frühwarnsystem.“ Mehr Infos zur Veranstaltung finden Sie hier.