Employee Assistance Programme: Was ist das?

26.11.2020  |  HRM-Online-Redaktion
Ein Employee Assistance Programme (EAP) stellt Mitarbeiter:innen Beratung für Krisen und psychische Probleme zur Verfügung. Wann ist es sinnvoll?
© gettyimages / Prostock-Studio

Ein Employee Assistance Programme (EAP) stellt Mitarbeiter:innen Beratung für Krisen und psychische Probleme zur Verfügung. Wann ist es sinnvoll?

Frau Travi, Sie haben zu Beginn Ihrer Laufbahn die betriebliche Sozialberatung für 4.000 Mitarbeiter:innen eines Siemens-Werks geleitet. Wodurch unterscheidet sich die externe Mitarbeiterberatung von der internen?
Astrid Travi: Die interne Sozialberatung übernimmt ein Angestellter des Unternehmens. Externe Mitarbeiter Beratung bietet eine Rund-um-die-Uhr-Hotline und arbeitet mit einem Team externer Berater. Sie haben unterschiedliche Schwerpunkte und können die Neutralität in der Beratung gut ermöglichen.

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Was kann ein:e externe Mitarbeiterberater:in tun, wenn eine Person zum ersten Mal anruft?
Er oder sie kann erfassen, worum es geht, indem er oder sie kluge Fragen stellt und zuhört: Ist der Anrufer aufgelöst oder deprimiert? Geht es um ihn oder um Angehörige, reicht ein Telefonat oder benötigt er die Adresse einer Beratungsstelle, wie kritisch ist die Situation? Nach dem Gespräch kann man einschätzen, wie der nächste Schritt aussehen soll.

Was ist das Ziel des Gesprächs?
Der Anrufer oder die Anruferin fühlt sich angenommen und verstanden. Er oder sie hat keine Beschwichtigungen, keine Bewertungen und keine Ratschläge gehört, sondern vielleicht Sätze wie „Ja, es ist wirklich sehr schwer und anstrengend“, und „Ich werde Sie unterstützen, damit die Situation leichter wird für Sie“.

Manche Menschen würden entgegnen: Mein Herz ausschütten kann ich doch auch bei Kollegen:innen oder in der Familie.
Ja, das ist richtig und wichtig. Den Unterschied machen die Sicht von außen und die Professionalität. Der Profi ist neutral und will beraten. Er kann ganz praktisch bei der Suche nach einem Pflege- oder Therapieplatz unterstützen. Er kennt aber auch Methoden, wie man sich selbst unterstützen kann, wenn man vielleicht zu viel grübelt und nicht schlafen kann.

Was denn zum Beispiel?
Wenn es nur darum geht, dass man viele Themen im Kopf hat, kann man zunächst versuchen, sich einen Zettel neben das Bett zu legen. Wenn man dann nicht einschlafen kann, schreibt man auf, was einen beschäftigt, um diese Themen bis zum nächsten Morgen ruhen zu lassen.

Oft scheuen sich Menschen, Hilfe Fremder anzunehmen. Lässt sich diese Hemmschwelle senken?
Wenn wir über externe Mitarbeiterberatung, also EAP sprechen, dann durch eine gute Integration der Berater:innen in das Unternehmen. Die Mitarbeiter:innen sollen sie oder ihn, wir arbeiten meist mit einem Frau-Mann-Team, kennenlernen. Sie merken, die sind aus Fleisch und Blut und denken spontan „Mit dem kann ich mir das Gespräch gut vorstellen“. Zusätzlich finde ich fortlaufend Infoblätter, Plakate, Sprechstunden und auch die Vorstellung bei Betriebsveranstaltungen wichtig.

Welche Themen tauchen in den Beratungsgesprächen besonders häufig auf?
Mit 30 Jahren Erfahrung und aus dem Bauch sage ich, an erster Stelle steht die eigene psychische Gesundheit, an zweiter Stelle kommen familiäre Probleme und dann etwa gleichauf die Themen Stress am Arbeitsplatz und die Gesundheit von Familienangehörigen, familiäre Pflege und Kinderbetreuung. Das heißt, die Bandbreite der Themen reicht vom Kitaplatz über die Schuldenregulierung bis zur Suizidalität. Die Menschen sagen „Ich fühle mich nicht wohl“, „In meiner Familie verhält sich jemand anders als sonst“ oder „Ich pflege und kann nicht mehr“.

Gibt es Warnzeichen, die man an sich selbst beobachten könnte?
Ja, das können zum Beispiel psychosomatische Beschwerden sein, Schlafstörungen, Traurigkeit oder das Gefühl, einer Situation ausgeliefert zu sein. Es beginnt schon mit dem Eindruck, dass etwas anders ist als sonst, wenn ich ausgeruht und glücklich bin.

Melden sich Mitarbeiter:innen rechtzeitig oder eher um fünf vor zwölf?
Die überwiegende Zahl der Menschen kommt fünf vor zwölf. Dann fließen oft Tränen, wenn sie erzählen. Eine Klientin hat zwei Jahre gebraucht, um anzurufen. Oft ist schon viel Leidvolles passiert und wir müssen schnell handeln. Besser ist es, sich frühzeitig schon prophylaktisch unterstützen zu lassen.

Warum warten viele Menschen so lange, bis sie sich melden?
Der Grund ist sehr individuell. Wir erleben, dass sich Frauen früher melden als Männer. Männer warten oft, bis sie massive körperliche Beschwerden haben oder der Chef droht. Die meisten reagieren, wenn auf welche Weise auch immer der Leidensdruck hoch ist.

Was tun Sie persönlich, um sich zu entspannen?
Ich brauche Zeit für mich, muss auch einmal nachdenken können und grabe dabei gerne den Garten um.

Weitere Informationen zum Thema psychische Gesundheit am Arbeitsplatz finden Sie hier.

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Astrid Travi, EAP-Beraterin
© privat

Zur Gesprächspartnerin:

Astrid Travi ist geschäftsführende Gesellschafterin der stg – Die Mitarbeiter Berater GmbH. Sie verfügt über fast 30 Jahre Beratungserfahrung – im Konzern und selbstständig – mit dem Schwerpunkt der Begleitung berufliche Veränderungsprozesse und Krisenberatung. Sie hat diese Themen auch in leitender Funktion für Siemens und andere Unternehmen verantwortet.