Forschen, um zu lernen

Ob Machtgefüge, Kreativität in Teams oder Mobbing – die Psychologieprofessorin Myriam Bechtoldt analysiert mit Begeisterung alle Aspekte sozialer Interaktion am Arbeitsplatz.

Eine Botschafterin für die Wissenschaft nennt sie der Autor und Berater Martin Wehrle. Myriam Bechtoldt sei eine Forscherin, die nicht nur ein Fachpublikum ansprechen könne, sondern auch die Allgemeinheit. Bechtoldt ist an der Frankfurt School of Finance and Management Professorin für Organizational Behavior. Für Wehrles Buch „Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus“ hat die Psychologin den Epilog geschrieben. Dadurch hat sie den zahlreichen skurrilen und auch erschreckenden Episoden aus dem deutschen Büroalltag, die darin skizziert werden, einen wissenschaftlichen Rahmen gegeben und die Frage beantwortet, wie sich Menschen verändern, wenn sie in machtvolle Positionen kommen. Sie werden, so zeigen es diverse Untersuchungen und Experimente, weniger empathisch, kritischer und strenger gegenüber anderen. Und das vermutlich einfach deswegen, weil sie glauben, es sich leisten zu können, schreibt Bechtoldt im Buch.

Die Analyse von Machtbeziehungen macht aber nur einen Teil der wissenschaftlichen Tätigkeit der Professorin aus. Grob gesagt befasst sie sich mit sozialer Interaktion am Arbeitsplatz. Aspekte, die die 41-Jährige besonders interessieren, sind die Kreativität in Teams, Diversity und Mobbing. Zu Letzterem hat Bechtoldt auch Fortbildungen und Trainings konzipiert, die sie selbst abhält.

Momentan arbeitet sie an einem Experiment, das sich mit der Bedeutung von Gefühlen am Arbeitsplatz befasst. Sie will wissen, ob die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, zu erkennen und damit umzugehen, auch schädlich für denjenigen sein kann, der darüber verfügt. Dafür testet sie Studierende auf deren emotionale Intelligenz und schaut, ob dadurch Stress verursacht wird. Experimente sind in der psychologischen Forschung weit verbreitet. Für Bechtoldt sind sie „die Krone der wissenschaftlichen Aussagekraft“. Dadurch würden am ehesten Kausalzusammenhänge wiedergegeben.

Business-Schwerpunkt

Bechtoldt liebt die Forschung und die damit verbundene Möglichkeit, „immer wieder neue Themen zu bearbeiten und dauernd dazuzulernen“. Für sie ist es ein Hochgefühl, wenn sie das erste Mal mühsam erhobene Daten sieht und merkt, dass darin spannende Erkenntnisse stecken. „Auch, wenn es dann bis zur Publikation noch mal zwei Jahre dauert.“ Sie hat auch keine Präferenz unter ihren Forschungsschwerpunkten, sondern vertritt die Ansicht, dass jedes Thema interessant wird, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.

Eingelassen hat sie sich auch auf die Arbeit an einer privaten Universität mit klarem Business-Schwerpunkt. Inzwischen ist sie seit einem Dreivierteljahr an der Frankfurt School of Finance and Management. Sie ist die erste Psychologin dort. Man wolle damit den Aspekt des Managements in den Studiengängen mehr betonen, erklärt Bechtoldt. Die psychologische Perspektive sei eher ungewohnt für die Studenten der Hochschule, die primär Wirtschaftswissenschaften studieren und daher – so die Annahme der Professorin – an Psychologie vordergründig weniger interessiert seien. Eine größere Neugier auf ihre Themen attestiert sie aber den höheren Semestern: „Viele arbeiten, zum Beispiel weil sie berufsbegleitend studieren. Sie wissen, dass beispielsweise Motivation, Mobbing und psychische Gesundheit relevante Themen für Organisationen sind und möchten mehr darüber erfahren.“

Vor ihrem Wechsel an die private Hochschule arbeitete Bechtoldt an der Universität Frankfurt. Sie ist der Mainmetropole also treu geblieben. Ein Grund dafür ist ihr Partner, der beruflich in der Region gebunden ist. Ein anderer, dass die in Rüsselsheim geborene Wissenschaftlerin schon ihre Jugend hier verbracht hat. Auch ihr Studium nahm sie in Frankfurt auf. Drei Jahre in Frankfurt, dann – einfach um eine andere Uni kennenzulernen – wechselte sie nach Marburg. Um im Anschluss als Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin zurückzukehren.

Fünf Jahre blieb Bechtoldt am Institut für Arbeits- und Organisationspsychologie, dann bekam sie eine Stelle in Amsterdam, bei Carsten de Dreu, einem der international führenden Wissenschaftler in diesem Feld. Nach vier Jahren holte Sonja Rohrmann, Professorin für differentielle Psychologie und psychologische Diagnostik an der Uni Frankfurt, Bechtoldt wieder nach Deutschland. Rohrmann, die bereits zu Bechtoldts Zeit als Doktorandin mit ihr zusammengearbeitet hat, beschreibt diese als „hochintelligent, kreativ und zielstrebig“. Und empfindet die gemeinsame Arbeit als äußerst bereichernd.

Das Interesse an der Psychologie hatte Myriam Bechtoldt bereits zu Schulzeiten: „Mir ging es wohl wie vielen anderen. Fast jeder, der anfängt, Psychologie zu studieren, hat ein Selbsterkenntnisinteresse. Und viele sind zu Beginn sehr idealistisch.“ Irgendwann komme dann die Erkenntnis, dass das Fach mehr ist als nur Psychotherapie, dass es auch um HR gehen kann und ganz allgemein um das Erleben und Verhalten von Menschen in Organisationen. Bechtoldt selbst hat in ihrem Studium beide Schwerpunkte gesetzt: Neben der Arbeits- und Organisationspsychologie auch die klinische Psychologie. Und nach ihrem Diplom hat sie, parallel zur Arbeit an ihrer Dissertation, eine Ausbildung in systemischer Familien- und Paartherapie gemacht. Diese Form der Therapie eigne sich auch für Teams und Organisationen, erklärt Bechtoldt. Daher ergänzt sie sich gut mit dem Forschungsschwerpunkt der Wissenschaftlerin.

Bevor Bechtoldt nach dem Abitur ins Psychologiestudium startete, schlug sie aber für ein paar Jahre noch eine ganz andere Laufbahn ein. Mehr per Zufall als geplant. Denn eigentlich wollte sie mit dem journalistischen Praktikum in der Redaktion des Taunus-Kuriers in Bad Homburg nur die Zeit bis zum Studienstart überbrücken, doch man bot ihr im Anschluss daran ein Volontariat an. Dazu erzählt Bechtoldt eine Anekdote, sie muss selber lachen, als sie sich daran zurückerinnert: Weil sie damals, als junge, unerfahrene Abiturientin, nicht wusste, wie sie dieses Angebot einschätzen sollte, schrieb sie an die Redaktion der Frauenzeitschrift Freundin, um einen Rat zu bekommen. „Die antworteten mir dann, dass sie sich zwar nicht zu weit aus dem Fenster lehnen wollen würden, aber dass solch ein Angebot schon sehr ungewöhnlich sei und ich mir gut überlegen solle das anzunehmen.“ Das tat sie dann auch. Und verschob den Start ihres Psychologiestudiums um drei Jahre nach hinten.

Die Erfahrungen im Journalismus haben Bechtoldt geprägt. Sie sagt zum Beispiel, dass sie dadurch den Luxus schätzen gelernt habe, aufnehmen und lernen zu dürfen, statt Tag für Tag leere Seiten füllen zu müssen. Sie sagt auch, dass das journalistische und das wissenschaftliche Schreiben zwei entgegengesetzte Enden einer Skala seien. Und nimmt die Möglichkeiten, mit einer Publikation auch mal ein größeres Publikum zu erreichen – wie im Falle des Buches von Martin Wehrle – gerne wahr, wenn sie sich bieten. „Es macht einfach Spaß, mal nicht nur für einen eingeschränkten Kreis von Wissenschaftlern zu schreiben. Denn eigentlich forscht man ja, um anderen bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen. Nur bekommen die wenigsten etwas davon mit.“

Dazu passt, dass Wehrle sie als eine Wissenschaftlerin sieht, die professorales Gehabe durch Aufgeschlossenheit, und Fachchinesisch durch klaren Ausdruck ersetzt habe. Die sich – ohne Scheuklappen angelegt zu haben – liebend gerne auf ihre Forschung konzentriert. Um immer wieder neue und spannende Aspekte sozialer Interaktionen zu entdecken.