„Wir werden von Bewerbern überrannt“

Anna Roth-Bunting betreibt eine Personalvermittlung für den sozialen Sektor. Im Interview spricht sie über Karrierewege abseits der klassischen Wirtschaft und die Sinnsuche im Job.

Frau Roth-Bunting, Sie sehen sich als Schnittstelle zwischen dem Personalbedarf im sozialen Sektor und entsprechenden Bewerbern. Ihr Unternehmen Talents4Good vermittelt Jobs bei Sozialunternehmen, Stiftungen oder NGOs. Warum braucht es das?

Wir wollen ganz einfach die besten Leute in den sozialen Sektor bekommen. Damit dort mehr Wandel und mehr soziale Wirkung stattfindet. Und aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass dieser Sektor in Bezug auf die Jobmöglichkeiten doch sehr intransparent ist. Hier setzen wir an.

Sie sind nun seit Anfang des Jahres am Markt. Wie fällt Ihr erstes Resümee aus?

Wir werden überrannt von Bewerbern. Neben Absolventen, die nach einem Einstieg in den sozialen Sektor suchen, schicken sehr viele sehr hochkarätige Leute Initiativbewerbungen. Das sind oftmals Leute, die extrem gut ausgebildet sind, die eigentlich eine klassische Karriere angestrebt haben und da auch weit gekommen sind, aber jetzt merken, dass sie ihre Fähigkeiten lieber dort einsetzen wollen, wo sie wirklich etwas bewegen können. Wir haben auch gemerkt, dass eine Professionalisierung der Personalarbeit im Sozialunternehmertum gut tut. Denn oftmals haben gerade kleinere Organisationen niemanden, der sich explizit darum kümmert. Unser Ziel ist daher, für unsere Kunden eine Art ausgegliederte HR-Abteilung zu werden.

Und wird Ihre Dienstleistung angenommen? Oder müssen Sie intensiv Akquise betreiben?

Nein, eigentlich gar nicht. Wir haben sehr viele Empfehlungen bekommen von Leuten, mit denen wir bereits zusammengearbeitet haben, momentan geht viel über Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir bekommen eigentlich dauernd Anfragen. Denn es gibt in diesem Bereich auch noch niemanden sonst. Die großen Personalvermittler haben kein Interesse an der Branche, dafür ist sie ein bisschen zu kompliziert und kann auch nicht das Gleiche zahlen wie klassische Wirtschaftsunternehmen. Auch nehmen wir uns sehr viel Zeit für die Kunden. Denn bei uns müssen die Leute nicht nur ein Profil erfüllen, sondern es muss menschlich passen. Unsere Kunden wünschen sich jemanden, der für ihre Idee brennt.

Heißt das, dass Herzblut die wichtigste Qualifikation ist, die die Bewerber mitbringen müssen?

Natürlich ist es total wichtig, gerade bei kleineren Organisationen, dass man mit dem Zweck etwas anfangen kann. Aber ohne die gewünschte Expertise geht es nicht. Wir setzen da auf die Kombination von beidem.

Welche Expertise ist denn aktuell besonders gefragt?

Das ist sehr unterschiedlich. Wir haben viele Geschäftsführerpositionen, aber auch viel auf der zweiten Führungsebene in Richtung COO. Es geht viel um Vertrieb und Strategie, manchmal auch Controlling und Marketing und zurzeit suchen wir auch Kommunikationsexperten.

Kann man sagen, dass der Sektor, in dem Sie sich bewegen, ein wachsender Bereich ist?

Ja, auf jeden Fall. Einmal, weil das Thema Sozialunternehmertum in Deutschland gerade sehr aktuell ist, aber auch, weil klassische Institutionen wie die AWO oder die Caritas, die viele Leute beschäftigen, ein Wachstum zu verzeichnen haben. Es gibt viele Jobs, aber nur wenige erblicken überhaupt das Licht der Welt. Denn ganz oft suchen die Einrichtungen nur in ihrem Dunstkreis. Dann bekommt man zwar jemanden mit Stallgeruch, aber ob der Mitarbeiter die beste Expertise hat, ist nicht gesagt. Daher wollen wir die Angebote nach außen tragen. Auch damit neuer Wind in die Unternehmen hineinkommt.

Was kann die Branche Bewerbern bieten, womit lockt sie?

Die Branche ist sehr divers und vielfältig. Das ist ein Vorteil. Man kann beispielsweise von einer großen Stiftung in die CSR-Abteilung eines Unternehmens wechseln und im Anschluss selbst ein Sozialunternehmen aufbauen. Auf der anderen Seite gibt es das Vorurteil, dass man nichts verdienen würde. Das stimmt so aber nicht. Natürlich ist das Gehalt nicht so hoch wie in der Wirtschaft, aber es ist angelehnt an den öffentlichen Sektor. Außerdem gibt es vielfach die Möglichkeit, flexibel oder im Home Office zu arbeiten oder Führungspositionen in Teilzeit zu übernehmen. Und man darf nicht vergessen, wie toll es ist, wenn man gerne zur Arbeit kommt und einen Sinn darin sieht, was man tut.

Gerade die Sinnhaftigkeit der Arbeit ist ja eine aktuelle Frage. Laut Studien wünschen sich immer mehr Menschen einen Job, in dem sie einen Sinn sehen. Da hat es Ihre Branche vermutlich sehr viel leichter als andere.

Ja, ganz klar. Es ist einfach toll, wenn man sein Herzensthema im Job gefunden hat. Dazu kommt, dass hinter vielen Sozialunternehmen ein Mensch steht, dem dieses bestimmte Thema ein Anliegen ist, der da einen besonderen Bezug zu hat. Solche Leute haben oft ein wahnsinniges Charisma. Die zeigen, dass man etwas tun kann, wenn einen wirklich etwas stört. Und das ist sehr inspirierend für viele Menschen.

Was würden Sie Personalern vor dem Hintergrund der zunehmenden Sinnsuche im Job raten?

Personaler sollten offener werden. Mitarbeiter müssen sich ausprobieren können. Wir haben zum Beispiel ein Programm, das Führungskräften einen zeitlich begrenzten Einsatz bei einem Sozialunternehmen ermöglicht. So eine Auszeit sollten Personaler öfter zulassen. Denn wenn man mal ein paar Monate in einem anderen Kontext gearbeitet hat, bringt man auch neue Fähigkeiten und Anregungen mit in den alten Job. HRler sollten anerkennen, dass man in einem Sozialunternehmen sehr viel lernen kann, was auch dem eigenen Unternehmen zugute kommen kann.