Der Recruiting-Wunschzettel

Recruiting-Kolumne von Henner Knabenreich auf Human Resources Manager
Henner Knabenreich © Quadriga / Maria Navas Carrillo

Diese Recruiting-Wünsche hat unser Kolumnist Henner Knabenreich zu Weihnachten. Ob sie wohl in Erfüllung gehen werden?

Irgendwie schon verrückt, nicht einmal mehr vier Wochen, dann heißt es schon „Willkommen, 2020!“. Ein weiteres Jahr, wo – da wette ich mit Ihnen – über den Fachkräftemangel gejammert wird. Und, auch diese Wette gilt: In dem Unternehmen mit Nichtstun (oder wahlweise blindem Aktionismus) glänzen werden. Aber noch sind es ja ein paar Tage und vielleicht, ja vielleicht geschieht noch ein Wunder. Oder werden Wünsche wahr.

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Denn wünschen darf man ja. Schließlich ist bald Weinachten, das Fest des Konsums. Äh, der Liebe. Da ist der Wunschzettel also obligatorisch. Insofern, lieber Weihnachtsmann (m/w/d, versteht sich), hier mein Recruiting-Wunschzettel.

Ich wünsche mir, dass …

  • … Recruiting und Personalmarketing (name it as you like it, aber tu was) endlich den strategischen Stellenwert einnehmen, der ihnen gebührt. Komisch, obwohl die Mitarbeitergewinnung strategisch überlebenswichtig ist für die Unternehmen (der richtige Mitarbeiter zur rechten Zeit am rechten Ort) und ohne die passenden Mitarbeiter die Produkte und Dienstleistungen weder an den Mann noch die Frau gebracht werden können, führt sie im Großteil der deutschen Unternehmen ein Mauerblümchendasein.
  • … fürs Recruiting die dringend notwendigen Ressourcen geschaffen werden. Nein, eine Recruiter-Stelle reicht kaum aus, um 300 Stellen im Jahr mit Fachkräften zu besetzen. Nein, Recruiting läuft auch nicht eben mal so nebenher. Und es ist auch jede Menge Budget da, glauben Sie mir. Rechnen Sie einfach nur mal aus, was es kostet, wenn eine Stelle nicht besetzt wird – Stichwort Cost of Vacancy. Und nun rechnen Sie das mal für alle Stellen hoch, die Sie zu besetzen haben. Wenn Ihr Vorgesetzter nun immer noch der Meinung ist, es sei kein Budget da, lege ich Ihnen nahe, den Job zu wechseln. Glücklicherweise gibt’s ja auch einen „Fachkräftemangel“ bei Recruiter-Stellen, da haben Sie die Qual der Wahl.
  • … im Recruiting Menschen tätig sind, die wirklich Ahnung von Personalauswahl haben. Menschen, die einen Kandidaten nicht nur anhand seiner fachlichen Qualifikationen, seiner Rechtschreibstärke oder seinen Prosa-Fähigkeiten beurteilen (nein, das Anschreiben ist kein valides Auswahlinstrument). Menschen, die Ahnung von dem Bereich haben, den Sie von der Personalauswahl her verantworten. Nein, jemand, der bevorzugt kaufmännische Fachkräfte rekrutiert, hat nicht das Know-how einen wirklich guten Coder zu identifizieren (es sei denn, er hat entsprechende Erfahrung). Menschen, die nicht frisch von der Hochschule kommen und den Begriff „Recruiting“ maximal einmal in der Vorlesung aufgeschnappt haben. Menschen, die nicht blindlings hinter KI-Scharlatanen herlaufen, die ihnen das Ei des Columbus in der Personalauswahl versprechen (beispielsweise Sprach- oder Textanalysen, die auf die Persönlichkeit zu schließen glauben).
  • endlich das Silodenken aufhört. Personalmarketing, Recruiting, Personalentwicklung, Talentmanagement (oder wie auch immer das bei Ihnen heißen mag) sind Disziplinen, die nur eng miteinander verzahnt zum Erfolg führen. Alles andere ist Flickwerk und kann nicht funktionieren.
  • … endlich begriffen wird, dass der Bewerber am längeren Hebel sitzt. Er kann auswählen aus einer Vielzahl an Arbeitgebern. Und wird den wählen, der ihn überzeugt und seinem Wertegefüge entspricht. Bedeutet für Sie: werfen Sie sich in Schale, stellen Sie sich in Ihrem besten, aber glaubwürdigen, Licht dar – und zeigen Sie Ecken und Kanten. Alles andere glaubt Ihnen sowieso niemand. Oder anders gesagt: Rollenwechsel! Sie sind jetzt der Bewerber!
  • … Sie bei all Ihren Personalmarketing- und Recruiting-Maßnahmen nicht den Bewerbungsprozess vergessen. Oft wird das Employer-Branding-Budget in bunten Bildchen und sinnentleerten Kampagnen verbraten, die maximal die Agentur und der Auftraggeber verstehen, der Bewerber aber nicht. Und dann, auf der letzten Meile wird das mühselig aufgebaute Vertrauen zum Kandidaten jäh zerstört. Wo eben aus einem Interessenten ein Bewerber hätte werden können, wird dieser in die Flucht geschlagen. Mit umständlichen Anmeldeprozessen. Mit langen oder über mehrere Seiten verteilten Formularen mit einer Vielzahl an Pflichtfeldern, deren Angaben alle bereits dem Lebenslauf zu entnehmen waren. Mit E-Recruiting-Systemen, die nur mit bestimmten Browsern funktionieren oder nicht für mobile Endgeräte optimiert sind. Mit Bewerbungsprozessen, die sich über Wochen hinziehen und der Bewerber keinerlei Info über den aktuellen Stand erhält (der natürlich längst woanders unterschrieb, weil es mal wieder etwas länger dauerte).
  • … endlich aufgehört wird, über den Fachkräftemangel zu jammern und stattdessen aktiv angepackt und endlich wirklich „gesucht“ wird.

Das, lieber Weihnachtsmann wünsche ich mir von dir. Wenn du mir wenigstens einen dieser Wünsche erfüllen würdest, wäre ich schon glücklich. Aber wenn ich mir die Entwicklung der letzten Jahre anschaue, habe ich so meine Bedenken. Nun denn, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Dann schicke ich dir diesen Wunschzettel so lange, bis endlich jeder meiner Punkte abgearbeitet ist.

In diesem Sinne, ein frohes Fest und auf ein erfolgreiches Recruiting-Jahr 2020!

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Der Fachkräftemangel ist Ausdruck verkrusteter Strukturen!

It’s the Zielgruppe, stupid!