Stirbt der Flurfunk?

Viele Beschäftigte arbeiten zur Zeit im Homeoffice. Wie wirkt sich das auf den Flurfunk aus? Ein Gespräch mit der Digitalexpertin Katja Nettesheim.
© gettyimages / Martin Barraud

Viele Beschäftigte arbeiten aufgrund der Corona-Pandemie von zu Hause aus. Wie steht es um den Flurfunk, wenn man sich nicht mehr zufällig an der Kaffeemaschine begegnet oder gemeinsam in einem Büro sitzt? Ein Gespräch mit der Digitalexpertin Katja Nettesheim

Frau Nettesheim, vor kurzem sorgte die Audio-App Clubhouse auf Twitter und in den Medien für Wirbel. Auf Clubhouse kann man Live-Gesprächen zuhören oder sich daran beteiligen. Zahlreiche Medien versuchten diesem Phänomen auf den Grund zu gehen und sahen in ihm einen Ersatz für die fehlenden Gespräche auf dem Flur. Was denken Sie darüber?
Ich finde die App super interessant, sie hat für mich persönlich sogar Suchtpotenzial. Ich glaube, der Hype speist sich aus dem Durst nach sozialen Begegnungen, egal ob beruflich oder privat. Clubhouse ist ein bisschen, als ob man in der Stammkneipe sitzt oder auf einer Party ist. Man kann sich von Gespräch zu Gespräch treiben lassen, schaltet sich rein und raus und trifft Leute zufällig. Also genau das, was für uns in der Corona-Pandemie nicht möglich ist.

Kann diese App in Zeiten von Social Distancing und Homeoffice auch den Flurfunk in Unternehmen ersetzen? Die informellen Gespräche in der Kaffeeküche oder im gemeinsamen Büro gibt es ja zur Zeit kaum.
Ich gehe davon aus, dass sich auf Clubhouse auch Mitarbeitende von Unternehmen oder Abteilungen treffen, um sich auszutauschen. Das kann ich auch gut verstehen, weil das Bedürfnis nach informellem, lockerem Quatschen momentan so groß ist. In diesem Kontext halte ich Clubhouse aber auch für bedenklich. Zum einen ist das kein privater Kreis, es können sich nahezu alle in den Raum einklinken. Es sind einige datenschutzrechtliche Themen zu beachten, vor allem, wenn der Arbeitgeber den Raum offiziell einrichtet, aber auch, wenn die Mitarbeitenden das in Eigeninitiative tun. Meine eigene Leitlinie im Umgang mit allen digitalen Kommunikationsmedien ist, nur das zu sagen, was ich auch im Büro in den Flur oder durch die Kneipe zu schreien bereit wäre.

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Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aktuell aus? Haben Sie den Flurfunk ins Homeoffice holen können?
Wir sind seit Mitte März letzten Jahres im Homeoffice und nie ganz ins Büro zurückgekommen. Unser Team von inzwischen zwölf Mitarbeitenden haben wir im Laufe des letzten Jahres vorwiegend aus dem Homeoffice rekrutiert und eingearbeitet. Auch im Sommer war unser Büro nach einem Schichtplan immer nur zur Hälfte belegt. Und jetzt arbeiten wird schon lange wieder ausschließlich von zu Hause aus. Deshalb haben wir Strukturen entwickelt, die uns auch remote zusammenhalten, also zum Beispiel, dass wir uns zu Beginn des Arbeitstags immer in einem Call bei Microsoft Teams einwählen, um zu besprechen, was ansteht und zu fragen, wer was von wem braucht. Dazu habe ich viele Einzelgespräche. Diese Strukturen ermöglichen auch, den Flurfunk – oder zumindest das Zwischenmenschliche – ins Homeoffice zu holen.

Wohin hat sich also der Flurfunk verlagert?
Es gibt ein paar flurfunkmäßige Videocall-Termine, zum Beispiel unser Thank God, it’s Friday-Meeting, bei dem wir alle jeden Freitag um 17.30 Uhr für eine halbe Stunde mit unserem jeweiligen Lieblingsgetränk vor dem Computer zusammenkommen. Und wir haben Slack-Channels, die nicht strikt arbeitsorientiert sind, zum Beispiel zu den Themen Quality of Life oder Fun. Durch die Formlosigkeit ist das oft sehr ähnlich wie das Gespräch in der Kaffeeküche. Für solche Chats verwenden wir lieber Slack als Teams, weil es von der Aufmachung her bunter, lustiger und emotionaler daherkommt. Wir hatten auch eine tolle Weihnachtsfeier, von der ich nicht erwartet hätte, dass sie online so viel Spaß machen würde. Wir haben gewichtelt, zusammen gegessen und – zumindest versucht – in einem Spiel gemeinsam einen Mord aufzuklären. Dabei wurde so viel gelacht und erzählt, dass wir locker noch ein paar Stunden hätten weitermachen können.

Wie kann man sonst noch Orte schaffen, um die Mitarbeitenden in der coronabedingten Homeoffice-Zeit zu vernetzen?
Was ich empfehlen kann, ist, bei Gruppenmeetings den Raum immer eine Viertelstunde früher zu öffnen und eine Viertelstunde länger offen zu lassen. Außerdem machen wir hin und wieder gemeinsam Mittagspause in einem virtuellen Raum. Wer will, setzt sich mit seinem oder ihrem Mittagessen dazu – und ich bin absichtlich eher selten dabei. Das ist auch eine gute Gelegenheit, ein bisschen zu plaudern.

Kann Flurfunk die offizielle Kommunikation auch unterstützen?
Flurfunk dient meiner Meinung nach eher der Bindung zwischen den Teammitgliedern, damit Vertrauen und Nähe entstehen. Für die offizielle Kommunikation finde ich Flurfunk schwierig, egal ob online oder offline. Ich hatte vor langer Zeit mal einen Chef, der meinte, man muss nicht alles kommunizieren, das spricht sich schon rum. Das finde ich nach wie vor desaströs. Wichtige Informationen müssen an alle gleichermaßen offen und transparent kommuniziert werden – das hat auch mit Respekt und Wertschätzung zu tun.

Wann ist Flurfunk gut, wann ist er schädlich?
Flurfunk ist dann gut, wenn er zu besseren zwischenmenschlichen Beziehungen führt. Wenn man merkt, dass es jemand anderem auch gerade nicht so gut geht mit einer Sache, wenn man Trost oder Gleichgesinnte findet, dann ist er gut. Aber er darf eben nicht destruktiv werden und in eine Negativspirale ausarten, bei der man sich gegenseitig runterzieht, zum Beispiel wenn ein paar vereinzelte Teammitglieder bei anderen ihre Negativität ablassen.

Wie kann man als HR oder Führungskraft Gerüchten im Flurfunk vorbeugen?
Gerüchte nähren sich aus Unsicherheit, sie füllen Leerstellen. Man sollte Informationen klar, frühzeitig und konsistent kommunizieren und signalisieren, dass auch Fragen zulässig sind – dann vertrauen Mitarbeitende mit der Zeit darauf, dass sie schon alles zu gegebener Zeit erfahren werden. Wir sind eine verhältnismäßig kleine Firma und gerade deswegen ist es mir wichtig, dass ich zum Beispiel auch über Investoren spreche oder nach Board-Meetings berichte, so dass meine Kolleginnen und Kollegen im Bild sind und sich keine Sorgen machen. Wenn sie dann im Flurfunk etwas anderes hören, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand etwas falsch verstanden hat, ziemlich hoch. So nimmt man den Gerüchten den Raum.


Die Teamkultur im Homeoffice fördern

  • Kommunikationstool (Slack, Microsoft Teams oder Ähnliches) einführen und Regeln für den Umgang damit definieren – zum Beispiel ist es sinnvoll zu vereinbaren, in welcher Form Abwesenheiten und Pausen gekennzeichnet werden, so dass niemand auf eine Antwort wartet.
  • Eigenen Channel für nicht-arbeitsbezogene Themen oder witzige Bilder und Videos einführen.
  • Virtuelles Kaffeetrinken mit einem zufällig ausgewählten Teammitglied anregen oder vorschlagen, dass sich Mitarbeitende diejenigen, mit denen sie die Pause verbringen wollen, selbst suchen – dies sollte aber zu den eigenen Rhythmen passen und freiwillig sein, damit niemand das Gefühl hat, noch zusätzliche Bildschirmzeit auferlegt zu bekommen.
  • Regelmäßiges Zeitfenster einrichten, in dem die Mitarbeitenden von einem privaten Projekt oder Hobby erzählen können, zum Beispiel in einem One-on-One-Videochat. So erfährt man manchmal im Nebensatz von guten Ausflugstipps, mehrgängigen Menüs, Büchern oder Marathonvorbereitungen.
  • Einen virtuellen Umtrunk zum Wochenausklang einführen und dabei eine spezielle, aber harmlose Frage als Eisbrecher verwenden – zum Beispiel, wovon man sich in der kommenden Woche mehr wünscht, was das Highlight der Woche war oder was man gesehen, gelesen oder gehört hat, das in irgendeiner Form inspirierend war.

Hat Sie schon mal eine brisante Nachricht über den Flurfunk erreicht, bevor sie offiziell war?
Als ich noch angestellt war, ist das ständig passiert. In großen Konzernen ist ja oft die inoffizielle Information eine Währung; es gibt Menschen, die sich dann damit hervortun, dass sie angeblich vertrauliche Informationen haben und weitergeben. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir Gerüchte über Menschen, die kurz vor der Kündigung standen. Und einmal hörte ich über den Flurfunk, dass mein gesamtes Team in eine andere Stadt wechseln sollte. Es war ein Schock, dass mich diese Information auf einer Weihnachtsfeier erreichte, bevor ich sie über offizielle Wege erfahren habe. Ich bin letztendlich nicht mit umgezogen.

Wie unterscheidet sich der informelle Austausch über Chat und Video vom Offline-Flurfunk?
Beim informellen Austausch in Videocalls sehe ich keinen großen Unterschied zur Offline-Kommunikation. Anders ist es bei der schriftlichen Kommunikation über den Chat. Wir versuchen, Slack so kaffeeküchenmäßig wie möglich zu machen, aber es fehlen natürlich Gestik und Mimik. Dafür hat die Schriftlichkeit den Vorteil, dass Menschen es sich dreimal überlegen, was sie von sich geben. Die Kommunikation wird dadurch überlegter und respektvoller.

Auch das Social Intranet ist ja in vielen Unternehmen total aufgeblüht.
Stimmt, obwohl bei uns Slack das Social Intranet ersetzt, aber ich habe das von Kunden gehört. Vom Social Intranet profitieren die Mitarbeitenden auch, weil sie darin über ihre eigene Arbeit und Fortschritte berichten können, Stichwort Working out Loud, eine Methode, mit der man persönliches Wissen und die eigene Arbeit sichtbar macht, damit alle davon profitieren können. Das Social Intranet ist ein wertvolles Tool, um mehr Sichtbarkeit zu erlangen, gegebenenfalls auch jenseits der eigenen Abteilung.

Ist der Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen seit der Corona-Pandemie sogar enger als vorher? Schließlich sieht man sie jetzt häufig im Videocall in ihren privaten Räumen.
Ja, der Kontakt ist viel enger. Jetzt weiß ich, wie es bei meinem Team und meinen Kunden zu Hause aussieht und wer Katzen hat; es laufen ja auch mal Kinder oder andere Familienmitglieder ins Bild. Das macht das Ganze viel menschlicher und entspricht dem Mantra der modernen Personalarbeit: Bring your whole self to work, also dass man sich auch im Arbeitskontext als Gesamtperson zeigen sollte. Es erleichtert Führungsarbeit ungemein, wenn man sieht, in was für einer Umgebung der Kollege oder die Kollegin den ganzen Tag sitzt. Wir haben in den One-on-Ones schon sehr persönliche Gespräche gehabt, so persönlich wären sie im Büro wahrscheinlich nicht geworden.

Was ist mit der Videocall-Müdigkeit, die gerade viele Menschen plagt?
Ich glaube, da muss man die Effekte nochmal sauber auseinanderziehen. Was tatsächlich anstrengt, ist die enge Taktung, die wir sonst wegen der Wegezeiten zwischen den Meetings so nicht hätten. Ich hatte schon dreizehn bis vierzehn Online-Meetings am Tag. Das finde ich anstrengend, nicht die Videocalls an sich.

Und was haben Sie getan, um die Anzahl der Meetings zu verringern?
Ich versuche jetzt immer die Vorbereitungszeit dazwischen einzuplanen, anstatt alles en bloc am Abend vorher zu machen – so ist das etwas entspannter.

Zur Gesprächspartnerin:

Katja Nettesheim, Digitalexpertin
Katja Nettesheim © Kasper Jensen

Katja Nettesheim ist Juristin und lehrt zudem als Professorin zu Themen rund um die digitale Transformation und Start-ups an der Steinbeis-Hochschule. Als Gründerin und Geschäftsführerin der Beratung Mediate unterstützt sie Unternehmen bei der Digitalen Transformation. Mit ihrem Start-up Culcha hilft sie Führungskräften und Mitarbeitenden dabei, krisenfest zu werden. Im Zuge der Corona-Krise entwickelte sie ein Programm zum Thema Resilientes Management mit Fokus auf die Führung räumlich verteilter Teams – unter anderem dazu, wie man die Kaffeeküche ins Homeoffice holt.