Personaler im Hörsaal

Obwohl viele Psychologiestudenten nach ihrem Abschluss in Personalabteilungen landen, lernen sie im Studium kaum etwas über die Arbeit dort. Eine Vorlesungsreihe der Humboldt-Universität Berlin will Abhilfe schaffen. 

Letzte Woche war Guido Baer zu Gast, der Leiter Personalgrundsätze bei der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH. Er stellte seinen Führungskompass vor, ein Projekt zur Verbesserung der Führungskultur bei den Berliner Flughäfen. In dieser Woche hat sich Alfred Burkhart angesagt. Der Abteilungsleiter Personalmanagement des Bundesverbands der Volksbanken und Raiffeisenbanken will über Rollenkonflikt und Rollenstress bei Führungskräften sprechen.

Eingeladen wurden die beiden Herren von Jens Nachtwei. Er ist Professor für Wirtschafts-, insbesondere Personalpsychologie, und an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Hochschule für angewandtes Management tätig. Er veranstaltet die Ringvorlesung, in der jede Woche ein anderer leitender Personalmanager aus seinem beruflichen Alltag berichtet. Für Nachtwei liegt der Reiz und auch die Bedeutung der Veranstaltung genau darin, nämlich in der starken Praxisorientierung. Denn obwohl viele Studierenden nach dem Abschluss in den HR-Bereich gingen, würden nur die wenigsten bereits während des Studiums entsprechende Erfahrungen sammeln. „Viele machen dann doch eher ein klinisches Praktikum.“ Er will die Studenten daher auf die Themen vorbereiten, mit denen sie sich in der Personalarbeit befassen müssten. Denn: „Nur durch den tatsächlichen Austausch mit Praxisexperten kann die Lehre so angereichert werden, dass sie auch der Berufsvorbereitung dient“, sagt der Professor. Ergänzt wird die Ringvorlesung durch ein Fallseminar, in dem die Studenten in Kleingruppen reale Projekte bearbeiten, beispielsweise die Entwicklung eines Zielvereinbarungsprogramms.

Der Führungskompass, den Guido Baer den Studenten vorgestellt hat, ist ein Kernbestandteil der Führungskräfteentwicklung seines Unternehmens. Man will dort eine neue Führungskultur, durch die die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter und die Arbeitgeberattraktivität des Unternehmens gefördert werden soll. Das Unternehmen stehe vor allem mit der Zusammenlegung der verschiedenen Flughafenstandorte vor der Herausforderung, die unterschiedlichen kulturellen Prägungen der Berliner Flughäfen zu vereinen, erklärte Baer. Als Beispiel nannte er die Mauer in den Köpfen, schließlich steht der Flughafen Tegel im früheren Westteil der Stadt und Schönefeld im Ostteil. „Viele der älteren Mitarbeiter pflegen das auch noch“, sagte er. Auch hatte eine Mitarbeiterumfrage ergeben, dass es bei Punkten wie Information und Kommunikation sowie Unternehmenskultur und Führung Schwächen gäbe. Unter anderem hatten die Mitarbeiter bemängelt, dass sie viele Informationen erst aus der Presse erfahren hätten und nicht von ihren Vorgesetzten. Dass dies bei der zuletzt sehr intensiven und negativen Berichterstattung über die Situation des neuen Großflughafens Berlin Brandenburg nicht zur Motivation der Mitarbeiter sondern eher zu deren Verunsicherung beiträgt, liegt auf der Hand.

Mit dem Projekt Führungskompass versucht das Unternehmen, dem entgegenzusteuern. Ausgehend vom Feedback der Mitarbeiter entwickelte man mit der gesamten Belegschaft eine neue Führungskultur, die sich im so genannten Führungskompass niederschlägt. Dieser definiert die vier Hauptkompetenzen von guter Führung, wie sie das Unternehmen versteht. So sollen die Chefs ihren Mitarbeitern die Richtung klar vorgeben, ihre Aktionen darauf ausrichten, Ergebnisse zu erzielen, ein motivierendes Arbeitsklima schaffen und für die Zukunft vorbauen. Man wolle hin zu einem partizipativen Führungsstil, erklärt Baer. Daher fließen die Kompetenzen, die der Kompass vorgibt, auch mit ein in die Auswahl von Führungskräften, in deren Training, in die Nachwuchsförderung und in die Feedbackprozesse.

Sein Vortrag kam an bei den Studenten, im Anschluss wurde noch eine gute halbe Stunde darüber diskutiert. Die Studentin Alexandra Gries sagte danach, dass ihr auch die Grundidee der Veranstaltung insgesamt gefällt: „Ich erwarte mir davon wirklich konkrete praktische Einblicke.“ Sie könne sich schon vorstellen, später im Bereich HR zu arbeiten, wenn auch eher im Gesundheitsmanagement. Ihr Kommilitone Stefan Siebert sieht in der Veranstaltung immerhin eine „belebende Form der Wissensvermittlung“, obwohl er sich zukünftig nicht in der Personalarbeit sieht.

In den nächsten Wochen soll es in der Vorlesung unter anderem noch um Lernen, Change Management, Kommunikation und Talent Management gehen. Die ganze Spannbreite der HR-Themen eben. Der Rundum-Einblick für die Studenten ist also garantiert.