Wie Upstalsboom Mitarbeiter zu mehr Achtsamkeit bewegt

16.09.2019  |  Thomas Trappe
Bodo Janssen von Upstalsboom
Bodo Janssen von Upstalsboom © Dominik Oldenkirchen

Bodo Janssen, Chef der Hotelkette Upstalsboom, vollzog vor zehn Jahren eine öffentliche Läuterung vom schlechten zum einfühlsamen Chef. Wie sein Fokus auf Achtsamkeit das gesamte Unternehmen verändert, erzählt Janssen im Doppelinterview mit Upstalsboom-HR-Chef und „Happiness Trainer“ Robert Jabin.

Bodo Janssen zieht sich regelmäßig ins Kloster zurück, introvertiert ist er deshalb aber noch lange nicht – vielmehr ist er einer der wohl umtriebigsten Botschafter des seit ein paar Jahren geradezu virulenten Achtsamkeitstrends. 2016 erschien Janssens Buch „Die stille Revolution“, in der er den Weg beschrieb, mit dem er die von seinen Eltern geerbte ostfriesische Hotelkette Upstalsboom 2011 umkrempelte und seine Führungsrolle völlig neu definierte. Janssen beschreibt seitdem sein altes Ich in der Öffentlichkeit immer wieder in düstersten Farben: als einen durch und durch unbeliebten Vorgesetzten, der sich erst nach einer niederschmetternden Mitarbeiterbefragung darauf besann, fortan „achtsam“ mit sich und seinen Angestellten umzugehen – und darauf eine ganze Unternehmensphilosophie aufbaute. Führungskräfte gelten bei Upstalsboom seitdem als Dienstleister. Personalreferent Robert Jabin kam 2011 ins Unternehmen, zu einer Zeit, als die komplette HR-Kultur auf den Prüfstand gestellt wurde.

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Herr Janssen, Sie unterbrechen gerade Ihren Urlaub. Wo waren Sie denn?
Bodo Janssen: Vergangene Woche mit meiner Familie in Österreich, nächste Woche mache ich noch mal Pause. Dass ich zwischendurch eine Woche im Büro bin, war so geplant.

Gut, dann stören wir also nicht. Es war schwer, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Sind Sie im Urlaub offline?
Janssen: In der Regel schon, ja. Meine Mitarbeiter wissen aber, dass sie mich im Notfall anrufen können. Und obwohl ich gerade die Arbeiten am Manuskript meines neuen Buchs abschließe, habe ich es geschafft, den Rechner die ganze Zeit auszulassen. Das Skript habe ich vor der Reise abgeschickt.

Okay, Ihre Chance für einen kleinen Werbeblock: Worum geht’s im Buch?
Janssen: Der Titel ist „Kraftquelle Tradition: Benediktinische Lebenskunst für heute“. Im Buch beschäftige ich mich mit dem New-Work-Konzept von Frithjof Bergmann und den Ideen des heiligen Benedikt. Ich komme dabei zu dem Schluss, dass alles, was wir heute bei Upstalsboom umsetzen, im Prinzip schon vor 1.500 Jahren als Konzept entworfen wurde und damals auch funktionierte. Heute müssen wir dieses alte Wissen mühsam reaktivieren.

Das klingt nach viel Schreib- und Recherchearbeit. Vor allem, wenn man hauptberuflich eine Hotelkette leitet und stets darauf achtet, ein ausgeglichenes Leben zu führen.
Janssen: Ich musste für das Buch nicht groß recherchieren, weil ich mich intensiv mit New Work beschäftigt und das verinnerlicht habe – auch die philosophische Geschichte, die dahintersteht. Aber natürlich hat das Buch mich ein bisschen gebunden. Zwischen vier und sieben Uhr morgens meditiere ich für gewöhnlich, in dieser Zeit habe ich in den vergangenen Monaten stattdessen immer geschrieben.

Kennen Sie Stress?
Janssen: Bei mir selbst nicht mehr, aber dafür habe ich auch einiges getan. Unter anderem habe ich mein komplettes Genom und mein Mikrobiom, also die Darmflora, sequenzieren lassen. Ich bin hormonell so veranlagt, dass neben mir eine Bombe einschlagen könnte und ich ruhig bliebe. Das hat viel mit Ernährung zu tun, aber auch mit Meditation. Die Sequenzierungen bieten wir bald auch regulär unseren Mitarbeitern an: Auf dieser Grundlage können sie dann eine Beratung bekommen, wie sie sich ernähren sollten, um gesünder und stressfreier zu leben. „Präventorium“ nennen wir dieses Programm, es befindet sich noch in der Entwicklungsphase.

Herr Jabin, es ist gerade Hochsaison, das Personal, für das Sie Verantwortung tragen, hat also viel zu tun. Betten müssen bezogen, Tische gedeckt, Gäste zufriedengestellt werden. Bleibt da Raum für Ausgeglichenheit bei den Mitarbeitern?
Robert Jabin: Im Alltagsgeschäft gibt es derzeit natürlich wenig Flexibilität bei allen Beschäftigten. Gerade deswegen laden wir alle ein, sich Zeit für sich zu nehmen. Dafür bieten wir zum Beispiel Meditationsworkshops an, die werden angenommen.

Ihre offizielle Bezeichnung bei Upstalsboom ist „Personalreferent und Corporate Happiness Trainer“. Was hat es damit auf sich?
Jabin: Diese Bezeichnung spiegelt den Upstalsboom-Weg wider, der auf positive Psychologie setzt. Im Zentrum stehen dabei Faktoren, die einen guten Einfluss auf das Leben haben: Schlaf, Sport, Ernährung, Energie­management, gelingende Beziehungen. Wir haben rund 20 Corporate-Happiness-Beauftragte in unseren Hotels, sie alle haben wie ich eine einjährige Ausbildung gemacht. Das sind keine Larifari-Veranstaltungen, bei denen man im Kreis sitzt und sich gegenseitig Blumen ins Haar flicht.

Sondern?
Jabin: Es geht einerseits darum, Mitarbeitern ein angenehmes Umfeld zu bieten. Gleichzeitig nehmen wir sie in die Pflicht, ihren Beitrag zu leisten, dass es ein schönes Umfeld bleibt. Wir wollen Mitarbeiter ins Handeln bringen, deshalb sind die Happiness-Seminare inzwischen auch für alle offen.

Genomsequenzierungen, Ernährungsberatungen, Meditationsseminare, Happinesskurse – das kostet alles sicher eine Stange Geld. Rechnet sich das in einer Branche, die unter enormem Preisdruck steht, Herr Janssen?
Janssen: Ja, sonst könnten wir es nicht machen. Als wir 2011 unsere Mitarbeiter unter anderem nach der Zufriedenheit mit ihrem Gehalt fragten, gaben drei Viertel an, unzufrieden zu sein. Zwei Jahre später waren es nur noch 50 Prozent – obwohl das Gehalt nicht erhöht wurde. Dafür aber verbesserten wir die Arbeitsatmosphäre deutlich. Das zeigt nur, dass für viele Mitarbeiter in einem Unternehmen ein hohes Gehalt nur ein Schmerzensgeld ist.

Das heißt, Sie machen die Mitarbeiter glücklich, damit sie für weniger Geld arbeiten?
Janssen: Nein, ich betrachte sie aber als ganzheitliche Wesen statt als Personalnummern und Kostenträger. Früher waren meine Angestellten für mich Mittel zum Zweck, Geld zu verdienen. Heute sehe ich mich als Mittel zum lZweck, Menschen zu stärken. Und dabei kann ein Unternehmen immer noch Gewinn machen, auch wenn das heute für mich nicht mehr an erster Stelle steht. Mit der Achtsamkeit habe ich nicht meine Fähigkeit verloren, betriebswirtschaftlich zu denken. Daher weiß ich, dass man etwas bieten muss, wenn man gute Mitarbeiter haben will. Wir versuchen, sie zu befähigen, Antworten auf Fragen des Lebens zu finden – aus meiner Einsicht heraus, dass das bisherige Wirtschaftssystem Mensch und Umwelt nicht guttut. Ich will geistige Mündigkeit statt Konsuminfarkt, und damit bin ich nicht alleine.

Was bieten Sie den Mitarbeitern noch alles an?
Janssen: Das hängt von der konkreten Situation ab. Kürzlich war ich mit einer Mitarbeiterin für eine Weile im Kloster, wo sie sich mit familiären Problemen auseinandersetzen konnte und ihren bisherigen Lebensweg reflektierte. Danach entschied sie sich, ihre bisherige Stelle im Unternehmen zu kündigen und in eine andere Position zu wechseln, auf der sie sich besser entwickeln kann. Einem anderen Mitarbeiter, der schwere gesundheitliche Probleme hat, habe ich gerade eine Mikrobiom-Sequenzierung ermöglicht, die in eine Ernährungsberatung münden soll. Ich bin mir sicher, dass unsere Ärzte ihn damit von seiner bisherigen medikamentösen Behandlung lösen können.

Ist es eine Mission für Sie, die Leute zur Achtsamkeit zu bekehren?
Janssen: In gewisser Weise schon, da ich weiß, was sie mir gebracht hat und wie sehr sie mein Leben verbessert hat. Deswegen wird Upstalsboom auch bald in eine Stiftung überführt, es fließt also kein Gewinn mehr an mich oder meine Familie. Alles, was über mein Gehalt hinausgeht, fließt zu 100 Prozent in wohltätige Zwecke, über die alle Mitarbeiter bestimmen.

Das klingt nach einem philanthropischen Antrieb. Und damit einen, der für viele Unternehmer wohl eher doch nicht infrage kommt. Meinen Sie, Sie finden mit dem Upstalsboom-Weg auf lange Sicht Nachahmer?
Janssen: Das kann ich nicht sagen, und natürlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Ich bin mir allerdings sicher, dass wir damit unsere Chancen deutlich erhöhen, Personal zu finden, das gerne und damit gut arbeitet.

Herr Jabin, ist das so?
Jabin: Auf jeden Fall. Wir sehen das vor allem bei den Positionen mit Personalverantwortung, dort hat sich die Bewerberzahl in den letzten Jahren deutlich erhöht. Es gibt offenbar einen wachsenden Bedarf bei potenziellen Führungskräften, in einer anderen Unternehmenskultur zu arbeiten, als sie bisher üblich ist.

Sie waren vorher HR-Verantwortlicher des Adlon, einem der edelsten Hotels der Republik. Warum sind Sie zu Upstalsboom gewechselt?
Jabin: Ich wurde damals Vater und wollte mehr Freiraum und Zeit für meine Familie haben. Der damalige Personalverantwortliche bei Upstalsboom sagte mir das zu, das Versprechen wurde auch erfüllt. Ich habe den Wechsel weg von Berlin jedenfalls nie bereut.

Gibt es bei Ihnen eigentlich auch Mitarbeiter, die dem Achtsamkeitskonzept weniger aufgeschlossen gegenüber sind?
Janssen: Natürlich gibt es die, auch sie sind unverzichtbar für uns. Wenn jemand sagt, er will gutes Geld für gute Arbeit und nach Feierabend seine Ruhe haben, dann respektieren wir das. Wir erwarten, dass niemand die Gemeinschaft stört oder bewusst Unfrieden stiftet. Aber es ist nicht unser Ziel, unsere Leute mit dem Achtsamkeitskonzept zu überfordern. Das erzeugt dann nur zusätzlichen Druck.

… nach dem Motto: „Jetzt muss ich auch noch entspannt sein“. Wie stehen Sie eigentlich zu dem Hype um die Achtsamkeit, den Sie wahrscheinlich mit ausgelöst haben und von dem heute ein Heer an Beratern profitiert, vor allem in den hektischen Großstädten?
Janssen: Ach, ich bin da entspannt, verfolge diesen Markt jetzt aber auch nicht intensiv. Grundsätzlich ist es, davon bin ich überzeugt, nie Verschwendung, sich mit Achtsamkeit zu beschäftigen. Sie theoretisch zu erfassen, heißt jedoch nicht, dass man sie schon lebt. Dazu gehört sehr viel mehr.

Entspannen Sie sich eigentlich am liebsten in ihren Hotels oder bevorzugen Sie das Kloster?
Janssen: Eindeutig das Kloster. Sechs bis sieben Mal im Jahr bin ich da, ich liebe diese Zurückgezogenheit, ohne die ich auch gar nicht leben könnte. In Hotels schlafe ich fast nie. Wenn doch, dann aber in meinen eigenen.

Robert Jabin, Personalreferent bei Upstalsboom
© Upstalsboom

Robert Jabin ist Personalreferent und „Happiness Trainer“ bei Upstalsboom.