„Das Bedürfnis nach Sinn ist so alt wie die Menschheit“

(c) gettyimages/Torwai
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Romanze statt Balance: Life-Design-Coach Robert Kötter über die Suche nach Sinn und Glück in Job und Privatleben.

Wenn Arbeit nicht nur Gelderwerb bedeutet, sondern auch erfüllen soll, funktioniert der Begriff der Work-Life-Balance nicht mehr. Die Kölner Unternehmer Robert Kötter und Marius Kursawe schlagen als Gegenentwurf den Begriff „Work-Life-Romance“ vor – und haben ein gleichnamiges Start-up gegründet.

Heute helfen sie Privatpersonen dabei, ihr Leben nach individuellen Vorstellungen zu gestalten und beraten Unternehmen darin, wie sie Mitarbeiter beim persönlichen Life Design unterstützen können. Wir haben Mitgründer und Geschäftsführer Robert Kötter auf der Konferenz How We Work getroffen und mit ihm darüber gesprochen, warum die Suche nach erfüllender Arbeit nichts Neues ist und welche Rolle HR und Führungskräften dabei zukommt.

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Herr Kötter, was verstehen sie unter dem Begriff Work-Life-Romance?

Robert Kötter: Wir wollten damit bei der Gründung unserer Firma die Ideale der old economy in Frage stellen. Allen voran deren Idee der Work-Life-Balance, die Arbeit und Leben als unvereinbare Gegensätze verstanden hat. Wie Gift und Gegengift. Wir haben damals gemerkt, dass diese Vorstellung für jüngere Generationen keinen Bestand mehr hat. Anders als ihre Eltern suchten und suchen sie den Sinn im Leben eben nicht mehr außerhalb des Jobs, im Hobby oder Ehrenamt, dem man dann im Feierabend nachgeht. Für sie gilt: Arbeitszeit ist Lebenszeit. Dieser Anspruch wurde dann zum Kern von Work-Life-Romance. Das heißt übrigens nicht, dass man nicht trotzdem auf sich achten muss. Auszeiten für die Familie und sich selber sind ein wichtiger Teil des Konzepts.

Die Frage nach Sinn im Leben geht doch weit über den Job hinaus. Ist das noch Sache des Arbeitgebers?

Die Frage ist eher, ob man das ausklammern kann, wenn man seine Mitarbeiter über längere Zeit und verschiedene Lebensphasen hinweg begleiten möchte. Wenn ich mich frage „Wie will ich arbeiten?“ komme ich doch zwangsläufig zu der Frage „Wie will ich eigentlich leben?“ Wir begegnen immer mehr Menschen, die einen gut bezahlten Job kündigen oder ein Stellenangebot gar nicht erst annehmen, weil es nicht (mehr) zum jeweiligen Lebensentwurf passt. Die Sinnfrage ist inzwischen also eine bedeutende Koordinate geworden, wenn es darum geht, den beruflichen Kurs zu bestimmen. Aber klar muss auch sein: Den „Sinn des Lebens“, den muss schon jeder für sich selber finden. Das kann mir kein Arbeitgeber abnehmen.

Was können Führungskräfte und HR dann tun?

Das fängt damit an, ein Arbeitsumfeld und eine Kultur zu schaffen, die mich mein Tun als sinnstiftend erleben lässt. Dazu gehört etwa, dass ich meine Ideen einbringen und mitgestalten kann und auch mal links und rechts der eigentlichen Karriere ausbrechen darf.

Manchmal will HR aber auch zu viel. In Zeiten von stark diversifizierten Belegschaften und fragmentierten Biographien ist es fast unmöglich der Experte zu sein, der für jede Lebenslage die richtige Lösung parat hat. Wir glauben, dass Mitarbeiter das eigentlich auch gar nicht mehr vom Personaler erwarten.

Die Belegschaft ist mündiger geworden, holt sich Karriere-Impulse bei Bloggern und bei Youtube. Was sie eher brauchen, ist ein Begleiter oder wie wir sagen, Co-Designer. Also jemand, der an der Gestaltung der Karriere mitarbeitet, die richtigen Fragen stellt und individuelle Interessen immer auch in den Kontext der Unternehmens-Agenda setzt.

Es heißt, die Generation Z möchte die Work-Life-Separation, also die klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Kann das trotzdem eine Work-Life-Romance sein?

Natürlich, wenn es Teil meines Lebenskonzepts ist, Arbeit nur als Gelderwerb zu sehen, dann ist das auch okay. Diesen Anspruch finden wir übrigens in allen Altersgruppen. Das hat weniger mit einem Generationen-Label zu tun, als mit der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur.

Und noch mal: Work-Life-Romance heißt nicht, das Leben und Arbeit kompromisslos miteinander verschmelzen. Auch wir sind als Familienväter froh, am Wochenende keine Mails lesen zu müssen. Es geht eher darum, die Werte, die Leidenschaften und Talente die mich als Mensch ausmachen, möglichst auch im Kontext Job einzubringen zu können.

Viele Arbeitnehmer stellen gerade die Sinnfrage. Liegt das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung vielleicht daran, dass Wirtschaft gerade so stark ist, wir in Wohlstand leben und Zeit haben, uns diese Frage zu stellen?

Das sind zwei Faktoren, die nicht kausal miteinander verknüpft sind. Ja, die Wirtschaft ist stark und die Suche nach Sinn ist stark, aber dass das eine von dem anderen bedingt wäre, halte ich für einen Fehlschluss.

Es wäre falsch zu sagen, es ist nur eine Generation, die nach Sinn sucht oder dass das ein neuer Trends wäre. Die Sinnfrage ist weder neu, noch nur eine Generationensache. Es ist eher traurig, dass auch eine Wirtschaftswunderzeit es geschafft hat, den Menschen gar nicht als Menschen zu sehen, sondern nur als Arbeitstier.

Andererseits haben Arbeitnehmer gerade jetzt große Chancen, das zu bekommen, was sie gerne hätten. Ich glaube, Unternehmen sind nicht immer gut darin, zu wissen, was Menschen wollen. Das müssen die Mitarbeiter den Unternehmen mitteilen und sie mit verändern. Ich hoffe, dass wir in Zukunft mehr value-driven enterprises haben werden, also mehr Unternehmen, die durch Werte getrieben sind und nicht nur durch Business.

Das Bedürfnis nach Sinn ist also nichts Neues?

Nein, das Bedürfnis nach Sinn ist so alt wie die Menschheit selbst. Das haben meine Eltern gehabt, das haben meine Großeltern gehabt, das haben Menschen überall in allen Kulturen. Was sich aber geändert hat, ist die Tatsache, dass es früher von Religion oder klaren Strukturen in der Gesellschaft ausgefüllt wurde.

Diese Institutionen sind jetzt teilweise weggebrochen, was an sich gut ist. Das bringt aber dieses Vakuum stärker zum Vorschein. Dadurch bekommen wir einerseits eine Riesenchance, weil jeder selber entscheiden kann, wie er das Loch füllen will. Gleichzeitig ist das für viele aber auch frustrierend, weil das ja auch anstrengend ist und oft nicht so richtig funktioniert.

Was macht denn Ihre persönliche Work-Life-Romance aus?

Das bedeutet für mich, viel Zeit für meine Familie zu haben, möglichst wenig nervige Arbeit, möglichst viel spaßige Arbeit. Ein cooles Büro zu haben. Wir haben zum Beispiel ein Büro auf Straßenebene, mit einer Tür direkt nach draußen. Mir ist es wichtig, viel draußen zu sein. Und natürlich ist es für mich sehr befriedigend, das eigene Ding zu machen.

Es macht mich sehr glücklich, wenn Leute unsere Konzepte übernehmen und sie ihnen helfen, glücklicher zu werden. Wenn ich höre, dass jemand unser Buch gelesen hat, freut mich das sehr!

(c) Work-Life-Romance
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Robert Kötter ist Mitgründer und Geschäftsführer von Work-Life-Romance sowie Co-Autor von „Design your life“.