Engagement in allen Bereichen

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Seinen Studenten versucht Stefan Süß auch das empirische Arbeiten näher zu bringen. Der Professor für Personalmanagement und Organisation wechselt in seiner Forschung selbst gern von der reinen Theorie ins Feld.

Wenn Stefan Süß unterwegs in sein Büro auf dem Campus der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf ist, führt ihn sein Weg über eine lange, freitragende Treppe hinauf in die zweite Etage. Auf der linken Seite zeigt sich eine nahtlos scheinende Fensterfront, durch die man auf eine holzgetäfelte Terrasse und den Universitäts-teich blicken kann. Der geschwungene Neubau ist ein Stiftungsgeschenk einer einheimischen Unternehmerfamilie. Für ein Fakultätsgebäude der Wirtschaftswissenschaften trägt es den passenden Namen: Oeconomicum.

Der 39-jährige Wuppertaler ist hier Professor der Betriebswirtschaftslehre, insbesondere für Personal und Organisation. Als er im Wintersemester 2008/2009 an die Universität kam, war es ursprünglich nur im Rahmen einer Vertretungsprofessur. Seine erste Stelle nach der Habilitation. Als die Professur dann ausgeschrieben wurde, bewarb er sich und erhielt den Ruf. Für Stefan Süß ist es eine Traumstelle. Die Fakultät hat eine überschaubare Größe, was kurze Wege zu den Kollegen und seinen Studenten bedeutet. „Zudem ist der Standort Düsseldorf ideal für eine betriebswirtschaftliche Professur. Es gibt hier viele große Unternehmen, bei denen wir Gastreferenten gewinnen können“, sagt er.

Ein Glücksfall auch, weil Stefan Süß bis heute mit seiner Familie in seiner Geburtsstadt wohnt, sich verwurzelt fühlt im Bergischen Land. Bis Düsseldorf sind es 30 Autominuten. Beworben hat Süß sich bundesweit. Kurze Distanzen sind im Universitätsalltag eher die Ausnahme.

Sein Schritt in die Wissenschaft war keineswegs ein Automatismus. Er ist der erste Akademiker in seiner Familie, seine Mutter war kaufmännische Angestellte, der Vater Handwerker. Der Entscheidungsprozess, was nach Abitur und Zivildienst 1994 folgen sollte, war relativ lang. Selbst Sportjournalist stand zur Debatte. Entschieden hat Stefan Süß sich schließlich für Betriebswirtschaft, auch weil danach, wie er sich erinnert, viele Wegen offen gestanden hätten.

Was im Nachhinein ein wenig unschlüssig klingt, wurde für ihn jedoch bald zur Gewissheit, sich richtig entschieden zu haben. „Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich mir auch eine Promotion vorstellen konnte“, sagt er. Und auch sein späterer Fokus auf das Personalmanagement war schon der Schwerpunkt in seinem Studium. Einerseits war es damals Mitte der 90 Jahre die gängige Überzeugung, dass in Deutschland Personal ein ungemein teurer Faktor ist, ein Standortnachteil, den es zu minimieren galt. „Andererseits glaubte ich, dass Personal eine wichtige Ressource ist, die sehr wenig imitierbar ist und der man sich intensiver widmen sollte. Dieser Gedanke  war damals in den Unternehmen noch nicht so ausgeprägt wie es heute der Fall ist. Das hat bei mir das Interesse geweckt, etwas dazu beizutragen, dass man der Ressource besser gerecht wird“, sagt er.

1999 ging er an die Fernuniversität Hagen an den Lehrstuhl von Ewald Scherm, wo er 2004 seine Promotion abschloss und fünf Jahre später habilitierte. Scherm und er  sind heute noch freundschaftlich verbunden, treffen sich regelmäßig und begegnen sich als Wissenschaftler auf Augenhöhe.

Ein generalistischer Ansatz

In Düsseldorf hat Stefan Süß inzwischen selbst zehn wissenschaftliche Mitarbeiter, mit denen er die Lehre organisiert und seine Forschungsprojekte umsetzt. Die Fakultät ist eher klein, ihr Ansatz ein generalistischer. Für Stefan Süß bedeutet das Engagement in allen Bereichen, und er scheint diesem Anspruch gerecht zu werden. Für Stephan Kaiser, der an der Universität der Bundeswehr in München ebenfalls Personal und Organisation lehrt, erfüllt sein Kollege das „Ideal des klassischen Ordinarius“ – allerdings modern und dynamisch interpretiert.

Was er damit meint, ist, dass Stefan Süß den Lehrstuhl in Gänze ausfüllt, sich in Forschung und Lehre und der universitären Selbstverwaltung ebenso engagiert, wie er sich für die Öffnung des Fachs in Richtung Unternehmenspraxis einsetzt. Kaiser und Süß kennen sich seit vielen Jahren aus Kommissionstreffen des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaftslehre sehr gut. Zusammen haben beide vor kurzem ein langjähriges Forschungsprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durchgeführt.

Unter dem Namen „FlinK“ zusammengefasst untersucht das Projekt die Beschäftigungsform des Freelancers unter den Aspekten Employability und Work-Life Balance. Stephan Kaiser hat sich dabei eher auf die Unternehmensseite und die Zusammenarbeit von Unternehmen mit freien Mitarbeitern konzentriert, während Stefan Süß versucht hat, sich empirisch, quantitativ wie qualitativ, dem Individuum zu nähern. Interessiert hat beide vor allem das besondere Spannungsfeld, das für diese Beschäftigungsgruppe existiert und das sich auch schon in Vorfeldstudien herauskristallisiert hatte. Einerseits, so Stefan Süß, haben Freelancer sehr wenig Stabilität, was ihre berufliche Situation betrifft, andererseits wird von ihnen aber auch sehr viel Flexibilität erwartet. Forschungen gab es dazu bisher kaum, ein Problembewusstsein war nicht existent. „Es gibt einfach besondere Belastungstatbestände für Freelancer. Wir hatten weniger das Ziel, Handlungsempfehlungen zu geben, sondern diese immer größer werdende Beschäftigungsgruppe überhaupt auf die Agenda zu bringen, auch weil wir festgestellt haben, dass Freelancer oft wie Mitarbeiter zweiter Klasse behandelt werden.“

Das Bild, das sich schließlich abzeichnete, war ein sehr differenziertes. Es reichte von ITlern mit teils sechsstelligen Jahreseinkommen bis hin zu freien Journalisten, die gerade so über die Runden kamen, von Menschen, die sich nichts anderes vorstellen können, zu jenen, die händeringend nach einer Festanstellung suchen.

Abgeschlossen ist das Thema für Stefan Süß damit noch nicht. Der Forscher ist sich sicher, dass er es über die Jahre weiter verfolgen wird, wenn auch auf kleinerer Flamme. Es gibt größere Themen, die langfristig immer weitere Facetten aufwerfen, sagt Stefan Süß, und solche, bei denen ihn ein kurzfristiger Erkenntnisfortschritt reizt. Dies galt zum Beispiel für die Frage, ob und wie Ergebnisse eines Personalcontrollings von HR instrumentalisiert werden können. Dass das möglich ist, war nicht weiter überraschend, gelten Kennzahlen doch als Sprache des Managements. Interessanter war, dass es dabei gar nicht so sehr um die Zahl als solches geht, die  ein normales Controlling hätte liefern können, sondern um ihre Interpretation – die Expertise hierfür findet sich in erster Linie in den Personalabteilungen. „Vor dem Hintergrund der zunehmend wichtigeren Ressource Mensch ist das ein erheblicher Machtfaktor. Nur ist sich das Personalmanagement dieser Macht teilweise überhaupt nicht bewusst“, fasst der Wissenschaftler zusammen.

Einen normativen Anspruch verfolgt  Süß nicht. Er will wissen, wie die Dinge funktionieren, versucht Themen zu finden, die auch in der Praxis eine Relevanz haben. „Das mache ich aber, indem ich sie wissenschaftlich analysiere, wenn möglich auf Basis etablierter Theorien“, sagt er. Er geht dabei oft empirisch vor, führt Interviews, sucht gerne das direkte Gespräch. Eine Methodik, die er auch versucht, an seine Studenten weiterzugeben. Die meisten gehen später in die Praxis, und daher ist sein erster Anspruch auch, eine Ausbildung zu bieten, auf deren Basis sie später gut zurechtkommen. Und empirisch zu arbeiten gehöre auch zum Personalmanagement, erläutert er.